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Interview mit The Dream Syndicate (01.06.2022)

The Dream Syndicate

Man soll ja niemals nie sagen. Diesen Spruch wird sich STEVE WYNN sicherlich schon einige Male angehört haben müssen, seit er und seine Kollegen DENNIS DUCK und MARK WALTON – ca. 2012 – die bereits 1988 aufgelöste Band THE DREAM SYNDICATE wieder ins Leben riefen. Denn STEVE hatte eigentlich das Thema längst ad acta gelegt – und zwar mit dem Argument, dass er mit seiner damaligen Band THE MIRACLE 3 eigentlich schon mehr Konzerte gespielt habe, als mit seiner „alten Band“. Es war dann allerdings gerade das Live-Spielen, das THE DREAM SYNDICATE wieder zusammenführte, denn sobald man (zunächst als Notlösung für ausgefallene Musiker) wieder auf der Bühne stand – und dabei JASON VICTOR, den Gitarristen von THE MIRACLE 3, als Ersatz für die vom Musikbusiness emeritierten, ursprünglichen Gitarristen KARL PRECODA und PAUL B. CUTLER als neues Mitglied begrüßte, stand schnell fest, dass der alte Funke wieder übergesprungen war. Das Spielen alter Nummern gelang dabei allerdings so gut, dass die Band beschloss, neue Songs zu schreiben, damit sie nicht als ihre eigene Cover-Band enden würden. Nun liegt mit „Ultraviolet Battlehymns And True Confessions“ bereits das vierte Album nach der Reunion vor.

STEVE sagte einmal, dass THE DREAM SYNDICATE im Grunde ihres Herzens nichts anderes sein wollten, als eine psychedelische Rockband. Dazu gehört in der neuen DREAM SYNDICATE-Phase zweifelsohne auch ein erweitertes Klangbild, ein Lead-Gitarrist (JASON VICTOR), der das mit der Psychedelia schon sehr ernst nimmt und nicht zuletzt die Ergänzung um CHRIS CACAVAS (mit dem STEVE & Co. befreundet sind, seit er als Keyboarder bei GREEN ON RED seine Karriere begann) und seinen Keyboard-Monstern als festes neues Mitglied.



Steve, gab es denn für „Battle Hymns“ ein eigenes Sound-Design?

Nun technisch ist die neue Scheibe von uns selbst produziert worden – mit der Hilfe von JOHN AGNELLO. Er hat ja auch das erste neue Album 2017 gemischt und wir haben mit dem Tontechniker ADRIAN OLSEN als Team zusammengearbeitet. Die Musik passiert aber heutzutage einfach so und ist nicht irgendwie konstruiert. Wir reagieren einfach auf das, was in der Interaktion passiert - mit mehr Möglichkeiten als früher. Das letzte Album 'The Universe Inside' war das extremste Beispiel für diesen Prozess. Es gab keinen Plan und wir mussten dem Folgen, was passierte, um einen Hinweis zu bekommen, wie es weitergehen könnte. Das ist, wer wir heutzutage sind und was uns ausmacht.

Dazu muss man noch wissen, dass 'The Universe Inside' aus einer einzigen, 80-minütigen Jam Session heraus extrahiert wurde. Da sind wir wieder an dem Punkt angelangt, an dem klar wird, dass Musik wohl eine Art Eigenleben hat. Siehst Du das eigentlich auch so, dass Du Dich manchmal von der Musik leiten lässt?

Ja – und in der Tat ist es sogar am Besten, wenn so etwas vorkommt. Manchmal ist es am Besten, auf das zu reagieren, was gerade musikalisch passiert. 'The Universe Inside' war wahrscheinlich das Album, bei dem ich das mehr als jemals zuvor gemacht habe. Und das war aufregend, weil es keinen Fahrplan gab. Das klappt natürlich nicht immer. Bei unserem neuen Album gab es aber eigentlich auch nichts, was die Stücke zusammenhält. Es ist einfach eine Songsammlung – und das ist auch OK; denn es ist auf diese Weise das songorientierteste Album geworden, dass ich je mit THE DREAM SYNDICATE aufgenommen habe.




Mit JOHN AGNELLOhast Du ja auch als Solo-Künstler und mit den MIRACLE 3 zusammengearbeitet – und ihn dabei mal als „Riff-Master“ bezeichnet. Es fällt aber auch auf, dass es keine überlangen Epen auf dem neuen Werk gibt und einige Songs – wie z.B. „Lesson #1“ - die tatsächlich um Riffs aufgebaut zu sein scheinen. Heißt das, dass Ihr es dieses Mal darauf angelegt habt, wieder mehr Struktur über Riffs ins Geschehen zu bringen?

Sagen wir mal so. Das neue Album ist ja – wie ich sagte - das Song-orientierteste, seit wir uns wieder zusammengefunden haben. Jeder Song hatte ein eigenes Gesicht. Bei dem Album 'How Did I Find Myself Here' ging es uns noch darum, einen eigenen Weg zu finden. 'These Times' war eine Art Konzept-Album und 'Universe' ein Experiment. Auf unserem neuen Album ging es um die einzelnen Songs und ich denke, dass uns JOHN AGNELLO da wirklich geholfen hat. Wenn ich die Sache von der Seite des Produzenten betrachte, würde ich sagen, dass mich JOHN als Sänger herausgefordert hat und für jede Song eine spezifische Klangumgebung geschaffen hat. Wir haben ein billiges Mikrofon ausprobiert, das nur 100 $ gekostet hat und verrückte Sachen und originelle Soundeffekte gefunden. JOHN hat mir die in den Kopfhörer gejagt, um mich zu motivieren und herauszufordern.

Gesanglich passiert auch im Hintergrund so Einiges. So arbeitet ihr dieses Mal auch mit echten Gesangsharmonien – wofür bei den psychedelischeren Vorgängeralben ja kein Platz war. Habt ihr in gesanglicher Hinsicht grundsätzlich nachgelegt?

Ja, JASON VICTOR, der jetzt auch eine eigene Band namens THE SKULL PRACTITIONERS hat, singt dieses Mal mehr. Er hat sich diesbezüglich ja bislang eher zurückgehalten, aber ich denke, er fühlt sich heute wohler zu singen. Aber hauptsächlich hat uns STEVE MCCARTHY beim Gesang unterstützt.

STEPHEN MCCARTHY ist doch der Gitarrist von THE LONG RYDERS – der Paisley Underground-Band von SID GRIFFIN. Hast Du nicht bei denen Gitarre gespielt, bevor ihr THE DREAM SYNDICATE gegründet habt?

Ja, das stimmt. STEVE hat als Backing-Sänger aber auch auf den letzten drei Scheiben schon ausgeholfen. Dieses Mal hat er aber bei Songs wie 'Damien' die kompletten Harmoniegesänge arrangiert. Sein Einfluss ist insofern deutlich bemerkbar. Das war auch insofern interessant, als das
s ich 'Damien' – anders als früher üblich – nicht auf der Gitarre, sondern mit Garageband geschrieben habe. Das war dann also eine ganz neue Erfahrung für uns alle.

Und dann gibt es ja noch etwas Neues, denn seit kurzem tauchen auch Bläser-Partien auf DREAM SYNDICATE-Alben auf. Wie ist es eigentlich dazu gekommen – denn so etwas gab es ja früher nicht.

Das hat mit den Erfahrungen des 'Universe Inside'-Albums zu tun. Das letzte Mal, als wir uns in Berlin getroffen haben, habe ich auf dem Flug dorthin erstmals den rauen Jam angehört, aus dem später dann das Album entstanden ist. Mir war damals klar, dass man daraus eine gute Scheibe basteln könnte – ich wusste bloß noch nicht wie. Ich überlegte mir also, wie man die Session in Parts aufteilen könnte - und eine Idee, die ich mit ADRIAN OLSEN überlegt hatte, war einen Saxophonisten zu bitten, einige Partien als Übergang zusätzlich zu dem Session Material einzuspielen. Das war dann MARCUS TENNEY von der Band BUTCHER BROWN, den Adrian empfohlen hatte. Der war so gut, dass ich ihn dann auf jedem Song haben wollte. Die Idee, mit Bläsern zu arbeiten, machte uns dann ja auch zu einer echten Prog-Rock-Band – was ich immer schon anstrebte. Als es an das neue Album ging, brachten wir MARCUS wieder mit ins Studio und er spielte auch auf der Hälfte der neuen Stücke.

Dazu muss gleich gesagt werden, dass dann – wohl wegen der Song-Orientierung – dennoch kein richtiges Prog-Album entstand. Es geht da wohl eher um psychedelische Atmosphären-Spielereien.

Na ja, für eine echte Prog-Band sind wir ja vielleicht auch nicht gut genug.




Du sagst, dass es eigentlich nichts gebe, was die einzelnen Stücke miteinander verbindet. Aber interpretiert man die neue Songsammlung als zusammenhängend, dann könnte der Eindruck entstehen, dass es um einen Charakter geht, der sich mehr oder minder hilflos den Unbilden des Schicksals und der ihn umgebenden Umstände ausgesetzt sieht. Was ist denn die Geschichte, die das neue Werk zusammenhält?

Wir sind doch alle in letzter Zeit hilflos den Umständen ausgesetzt gewesen, oder? Alles, was wir sicher geglaubt hatten, war ja plötzlich verschwunden. In dieser Zeit haben wir uns dann auch von unserem Label Anti getrennt, denn auch von dem Label fühlten wir uns distanziert. Das war keine große Sache, denn es war eine gemeinsame Entscheidung. Es war nur so, dass alles, was und als Tourband, die gerne mit den Leuten interagiert und in Hotelzimmern lebt, ausmachte, plötzlich weg war, sodass wir uns erneut fragen mussten, wo wir gerade dran waren. Und eine Menge der neuen Songs spiegeln das ja auch wider. Und deswegen heißt der erste Titel – als Bestandsaufnahme - auch „Where I'll Stand“.

Der Titel des Albums „Ultraviolet Battle Hymns And True Confessions“ fasst das Psychedelische, Kämpferische und Konfessionelle dann ja auch schön zusammen. Du sagtest aber einmal, dass Du Wert darauf legtest, in Deinen Songs nicht allzu persönlich zu werden und lieber mit fiktiven Charakteren arbeitest. Hast Du dieses Mal eine Ausnahme gemacht?

Nur in gewisser Weise. Meine Charaktere sind ja auch dieses Mal wieder fiktiv. Aber alle meine Scheiben – also auch die mit den Bands – sind auch immer eine Reaktion auf das, was mich umgibt – und das waren in dem Fall eben extrem unsichere Zeiten, was sich dann in der düsteren Atmosphäre widerspiegelt.

Eine Nerd-Frage sei mal erlaubt: In gleich mehreren Songs des neuen Albums singt Du von Affen. Wieso?

Ich hätte nicht gedacht, dass das Affen-Thema jemandem auffällt. Aber ich mag einfach Affen sehr – warte mal, ich zeige Dir mal was: Schau mal hier habe ich einen neuen Stoff-Affen. Aber mal ernsthaft - ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, wie wir alle langsam ja scheinbar auf unsere animalische Grundform zurückgeworfen werden. Wenn Du mal drüber nachdenkst, dann ist ja die ganze Welt offenbar dabei, zu einem Tierkäfig oder einem Affenhaus zu werden.



Was will uns eigentlich das eigenartige Artwork des Covers sagen – das in seiner Optik an die Xerox-Kunst von Underground-Magazinen aus den 60ern erinnert?

Da ist Deine Vermutung genauso gut wie meine. Das Artwork hat der Designer des Labels gemacht. Die haben ein recht gutes Art-Department. Ich habe denen einige obskure Fotos zur Verfügung gestellt und die haben dann eine Collage daraus gemacht. Das hat aber nichts spezifisch mit unserem Namen zu tun. Wir waren begeistert, auf unserem neuen Label zu sein und wollten das damit zum Ausdruck bringen. „Fire Records“ ist ein cooles Indie-Label aus London, das sich auf psychedelische Rockmusik spezialisiert hat und ursprünglich als Basis von Bands wie SPACEMAN 3, PULP oder TEENAGE FANCLUB berühmt geworden ist. Wir fühlen uns dort jetzt richtig zu Hause.


 

Ja und heute sind auch amerikanische Acts wie HOWE GELB, die BLACK LIPS, GUIDED BY VOICES, BARDO POND und KRISTIN HERSH / THROWING MUSES Labelkollegen von THE DREAM SYNDICATE. STEVE & Co. befinden sich damit also in bester Gesellschaft unter Gleichgesinnten – und können sich somit wieder ganz auf ihr Kerngeschäft als Touring-Band konzentrieren können (sofern nicht andere Projekte, wie THE BASEBALL PROJECT, mit denen STEVE WYNN gerade eben erst ein neues Album einspielte) dazwischen kommen.

Ullrich Maurer (Info)
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