Zurück

Reviews

Steve Hackett: Wild Orchids

Stil: Rock / Experimental

Cover: Steve Hackett: Wild Orchids

Steve Hackett bleibt weiter störrisch und denkt nicht daran, eine akustische Bittstellung an seine alten Kollegen zu machen, um die Schöpfungsgeschichte fortzuschreiben. Genesis-Vergleiche wird man auch zu seinem neuen Album kaum ziehen können, stattdessen führt der Gitarrist die schrankenlose Mischung aus Klassik, wenig Rock und Klangexperiment weiter fort, was zu Lasten der Songs geht.

Das Underworld Orchestra von „Metamorpheus“ darf erneut mitspielen und gleich im ersten Stück statt der stoischen Bass-Achtel und Hacketts spröder Stimme gemeinsam mit einer Violine für die eigentlichen Akzente sorgen – Stoisch, keine Wendungen nehmend oder Spannung aufbauend sind nämlich viele der Tracks. Eine Klangfarbe, eine spärliche Motividee wird im Liedformat ausgewalzt: bei „Waters of the Wild“ ist dies eine dem Gesang antwortende Sitar, in „Set Your Compass“ und „To A Close“ die mittels Chorus-Effekt verfremdete Stimme zu verträumtem, fast Sixties-poppigem Arrangement. Ein solches trägt auch „A Girl Called Linda“, zuzüglich eines Flötensolos von Bruder John sowie starkem Jazz-Bezug der Rhythmiker (Upright-Bass-Klang, ausgiebiges Beckenspiel).

„Ego And Id“ geht am ehesten noch als allerdings synthetischer Rock durch. Braucht es einen C.G. Jung, um rauen Gesang und Robert-Fripp-Leads aus dem Unterbewusstsein des Komponisten zu graben? – Dort scheinen auch andere spinnerte Einfälle zu lagern, die „Down Street“ herauskehrt. Der tiefe Sprechgesang ist von früheren Werken her schon bekannt; hinzu kommen Loops, Geräusche, ein Akkordeon und Vaudeville-Bläser. Bruchstückhaft faden diese Elemente ein und aus und machen das lange Stück gemeinsam mit einer Jahrmarktsorgel vollends zur Zirkusnummer. An zehnter Stelle steht ein als Zwischenspiel getarntes uraltes Radiosample, in dem eine Unterhaltungscombo angekündigt wird, welche dann auch kurz aufspielen darf. Rauschender Wind weht hinüber zu „She Moves In Memories“, das mit Harfe und Orchester wie der Soundtrack zu einer idyllischen Landschaftseinstellung in einem Heimatfilm klingt. Am gewöhnlichsten ist die Bob-Dylan-Verbeugung „Man In the Black Coat“ mit Slide und Harmonica...immerhin kann Hackett hier stimmlich mithalten, ohne auf Manipulationen zur Anreicherung seines wenig ausdrucksvollen Organs zurückzugreifen.

Als letzte Komponente dieses zwielichtigen Gemisches stehen die für den Künstler typischen „Bumm-Tschack“-Lieder an. „Wolfwork“ ist ein solches mit schweren String-Riffs, der Abschlusssong wiederum mit kantig-jaulenden Leads. Davon hätte man sich neben wirklich ausgereiftem Songwriting mehr gewünscht. Hackett baut mit seinen letzten Alben konstant ab und verliert sich in Kunstmusik; dabei verhieß seine Live-DVD noch mehr.

FAZIT: Alles ganz experimentell und abwechslungsreich im Hause Hackett, jedoch ohne ein geschlossenes Bild sowohl im Einzelnen (Lieder) als auch Allgemeinen (sinnvolle Struktur des Albums) abzugeben. Aneinandergereihte Geistesblitze, die selten besonders licht sind und ohne den Hintergrund des Mannes wesentlich weniger öffentlichen Wind machen würden. Bedenklich.

Punkte: 7/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 01.02.2008

Tracklist

  1. A Dark Night In Toytown
  2. Waters of the Wild
  3. Set Your Compass
  4. Down Street
  5. A Girl Called Linda
  6. To A Close
  7. Ego And Id
  8. Man In the Long Black Coat
  9. Wolfwork
  10. Why
  11. She Moves In Memories
  12. The Fundaments of Brainwashing
  13. Howl

Besetzung

  • Gesang

    Steve Hackett, Gary O’Toole

  • Gitarre

    Steve Hackett, Roger King

  • Keys

    Roger King, Nick Magnus

  • Schlagzeug

    Gary O’Toole

  • Sonstiges

    Steve Hackett (Sitar, Harmonica), Rob Townsend (flute), Rob Townsend (Flute, Sax, Tin Whistle, Bass Clarinet)

Sonstiges

  • Label

    InsideOut/SPV

  • Spieldauer

    49:38

  • Erscheinungsdatum

    2006

© Musikreviews.de