Willkommen in der Psychiatrie der schwachsinnigsten Covergestaltung und verrücktesten Musikexperimente. Ist das nun der Vorhof zu einer höllischen Schizophrenie oder zu einem Himmelstor, hinter dem der große Maestro ZAPPA wartet? Wollen uns die Franzosen jetzt beweisen, dass sie neben ihrem not- und machtgeilen Präsidenten-Zwerg nun auch noch die GRÖTESKere Musik als wir Deutschen mit unserer Dackelblick-Regierungschefin (die neuerdings brustbetonte Abendkleider trägt, um vielleicht Frau Sarkozy, geb. Bruni, auszustechen) und der ständigen bierseligen Ernsthaftigkeit zu bieten haben? Dabei können wir doch sogar in Punkto Humor tatsächlich auch wahrhaft GRÖTESKes bieten, was an Einfallsreichtum und Lustigkeit kaum zu überbieten ist, sogar einen wahrhaft deutschen Namen hat und den Jungs auf dem MÖRGLBL-Cover sehr ähnlich sieht: ZÄRTLICHKEITEN MIT FREUNDEN. Wer’s nicht glaubt, der braucht nur mal auf die Homepage dieser beiden frechen Jungs zu gehen! Entschuldigung, dass ich abschweife, aber diese Information könnte vielen Lesern dieser Kritik noch eine gehörige Portion Freude bereiten, womit wir schon wieder bei MÖRGLBL wären.
MÖRGLBL haben nicht nur einen total abgefahrenen Namen, ihre Musik klingt ganz genauso. Doch zuvor sollten unbedingt noch ein paar Worte zur Covergestaltung verloren werden. Selten, gaaaaaaaanz selten, ist mir ein dermaßen bescheuertes Cover in die Hände gefallen, das eigentlich abschreckend wirkt, aber andererseits auch neugierig darauf macht, was für verrückte Musik sich wohl hinter solch einer gestalterischen Provokation des guten Geschmacks verbirgt. Muss man sich als Musiker tatsächlich so zum Affen machen, um Aufmerksamkeit zu erregen? Zumindest scheinen die drei hinter dem Bandnamen MÖRGLBL verborgenen Franzosen dies zu meinen. Einen ähnlichen optischen Angriff auf den guten Geschmack kenne ich eigentlich nur von der italienischen Band FUORI ORARIO, die mit „Bandabardó“ ein gänzlich gleich gestaltetes Cover auf den Markt geworfen haben, um dahinter, genauso wie MÖRGLBL, stark zappaesk angehauchte Musik zu verbergen.
Doch wer sich von solcher optischen Verballhornung nicht täuschen lässt, den erwarten so einige musikalische Überraschungen. Und wenn ich schon ständig diesen ZAPPA, den Großmeister progressiv verspielter und sich keinerlei Strömungen verschließender, aber immer höchsten Ansprüchen erfüllender Musik, erwähne, dann ist es wohl auch meine Pflicht, speziell auf die Alben des benannten Großmeisters zu verweisen, die klanglich „Grötesk“ ähneln: „Sleep Dirt“ und „Waka/Jawaka“.
Aber es gibt durchaus noch einige andere Parallelen, die jedoch progressiven Rockmusikhörern eher Schwierigkeiten bereiten. Als da wären der instrumentale Ausflug von VAN DER GRAAF GENERATOR, die 1973 plötzlich ohne HAMMILL ein knallhartes Jazz-Rock-Album namens THE LONG HELLO (mit dabei DAVID JACKSON, HUGH BANTON, GUY EVANS & NIC POTTER) heraus brachten oder eine ganz ähnliche Trennungszeremonie zwischen DAEVID ALLEN und den bis dahin schwer sphärisch-psychedelisch infizierten GONG, die daraufhin gleich dreifach mit Jazz-Rock-Gebaren namens „Gazeuse!“, „Expresso II“ und „Shamal“ (ein wundervolles, vom PINK FLOYD-Schlagzeuger NICK MASON produziertes Album) nachkarteten, in deren Ergebnis dann PIERRE MOERLEN’S GONG entstand.
Verrückt, oder? Noch etwas verrückter wird’s sogar auf der Bonus-Beigabe dieser CD, das Video zu „Tapas Nocturne“. Im gänzlich gleichen Outfit wie auf dem Cover begeben sich die drei Herren in ihren Proberaum und rocken besagten Titel dermaßen geil runter, dass einem die Haare zu Berge stehen – allerdings nicht nur der Musik wegen. Nach etwa zweieinhalb Minuten verarschen die Franzosen dann sogar unsere geliebten deutschen KRAFTWERKer, indem sie deren Roboterbewegungen zu ihrem Auftritt imitieren und sich irgendwie selbst über ihre Musik lustig machen. Doch spätestens, wenn man die Augen schließt und sich genau dieser Musik widmet, signalisieren einem die Ohren, dass man gerade etwas Besonderes und zugleich Anspruchsvolles hört.
Französischer Humor und Musik, die man einfach mögen muss! ZAPPA ist tot und seine Witwe verklagt dessen Fan-Club ... solche Art von Humorlosigkeit ist wohl typisch amerikanisch. Also, Zappa ist (leider) tot, es hätte besser seine Frau erwischen sollen – darum lebe (wenigstens) MÖRGLBL, die verklagen garantiert niemanden – sondern lachen sich eher tot!
FAZIT: Hier kommen die G3 aus Frankreich, die alle instrumentalen Spielarten, die sich zwischen Metal, Rock, Funk, Jazz und Prog bewegen, miteinander fusionieren und dabei noch nicht einmal ihren Sinn für Humor verlieren. Das ist definitiv kein „grötesk“es Album, sondern ein „größ“artiges!
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 21.04.2008
Ivan Rougny
Christophe Godin, Ivan Rougny, Jean Pierre Frelezeau
Christophe Godin
Jean Pierre Frelezeau
The Laser’s Edge Records
61:59
14.12.2007