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Morphelia: Waken the Nightmare

Stil: Symphonic Retro Prog

Cover: Morphelia: Waken the Nightmare

2003 erschien MORPHELIAs Debüt „Prognocircus“. Es entfachte zwar keinen Brand im Progwald, blieb aber als sympathische Fußnote im Grenzbereich zwischen symphonisch-melodischem Prog und Anflügen von Metal im Gedächtnis und landete gelegentlich gerne im heimischen Player.
Danach wurde es ruhig um die Band, obwohl die Blaupause „Prognocircus“ geradezu nach einer Fortsetzung verlangte.
Jetzt, sechs Jahre später, ist es soweit. Mit „Waken The Nightmare“ erscheint das lang erwartete zweite Album. Und was für eins.

Interessanterweise stimmen die Credits hundertprozentig mit denen von „Prognocircus“ überein. Und „Waken The Nightmare“ klingt keineswegs danach, als hätte man sich nach einer Pause zum gemeinsamen Musizieren wieder eingefunden. Hier zeigt sich eine gereifte Band, in jeder Beziehung weiter entwickelt. Was vor allem bei Sänger Kurt Strwrtetschka sehr positiv auffällt. War das Debüt noch geprägt von leichten Unsicherheiten, ist er ein solider Führer durch das Traumgespinst des zwei CDs umfassenden Konzeptwerks. Gut 120 Minuten Musik, vier Longtracks jenseits der zehn Minuten-Marke; „Waken The Nightmare“ macht keinen Hehl daraus, wohin die Reise geht: tief ins Herz des symphonischen Retro-Progs. Wer nach dem Erstling darauf gewettet hätte, dass MORPHELIA sich weiter Richtung Prog-Metal orientieren würden, wäre auf die Kulanz seines Buchmachers angewiesen gewesen. SAGA und DREAM THEATER sind in den Hintergrund getreten, PINK FLOYD (zu Zeiten „Wish You Were Heres“) und GENESIS (nicht nur „The Knife“ rules) verbeugen sich mit Freude am Bühnenrand. Dazu noch Reminiszenzen an Philip Glass (der Beginn von „Imaginos (A Taste Of Evil)“), die elektronische Musik überhaupt; besonders KLAUS SCHULZE und TANGERINE DREAM, vor allem im berauschenden ersten Drittel des fast halbstündigen „The End Is The Beginning Of The End”.

„Waken The Nightmare“ ist eine schwelgerische, opulente Angelegenheit. Wir schreiben das Jahr 2009 und vor uns liegt ein edel aufgemachtes Digipack, Doppelalbum UND Konzeptwerk obendrein. Nicht von einer Supergroup mit exorbitantem Budget, sondern von einer eher „kleinen“ deutschen Band. Die aber mit Muße ihre Traumgeschichte von einer Reise durch Raum und Zeit erzählt, die in ein Haus mit 365 Fenstern, und ebenso vielen Möglichkeiten in eine Falle zu tappen, führt. Wobei sowohl Glück wie Horror hinter der Falltür lauern können. Reisende sind der traumwandlerische Protagonist Elias Morph und sein finsterer Gegenspieler Captain Imaginos (über Namen lässt sich trefflich streiten. Erinnern doch Elias und Imaginos ungemein an Guybrush Threepwood und Captain LeChuck. Nicht die schlechteste Referenz.).

Es funktioniert. “Waken The Nightmare” ist so etwas wie ein Resümee der Entwicklung, die der „klassische“ Prog-Rock in den letzten vierzig Jahren genommen hat. Wobei gerade das 27-minütige“ The End Is The Beginning Of The End“ eine Salut ist, die den deutschen Beiträgen von „Phaedra“ bis „Rockpommels Land“ ihre Ehrerbietung erweist.
Natürlich bezieht das seine Kraft aus der Vergangenheit, aber warum auch nicht? Wir bewegen uns in einem regenbogenbunten Verweisuniversum. Das Fundament bilden u.a. die oben bereits genannten Bands und Musiker.
Und da MORPHELIA nicht versuchen mit übertriebener Artistik aufzutrumpfen, ist „Waken The Nightmare“ – trotz marginaler Längen und Wiederholungen auf CD 1 - kein Leviathan, der sich mühevoll und bespöttelt durch’s Musikgeschäft schleppt, sondern ein überzeugendes Lebenszeichen aus der deutschen Provinz, das zu keinem Zeitpunkt provinziellen Charakter besitzt.

FAZIT: Überraschung, Überraschung. MORPHELIA leben. Und zwar mit Wucht und Wonne!
Packende Melodien satt, gefühlig, aber nicht in Kitsch ersaufend, mitunter Härte beweisend, ohne zu frickeligem Metal zu werden, ein abwechslungsreiches und in jeder Hinsicht schwelgerisches Konzeptwerk.
Zwar mit den kleinen Schwächen, ohne die auch sehr gute Doppelalben kaum auskommen; gelegentliche Straffung (vor allem in der ersten Hälfte) wäre möglich gewesen – aber auch wünschenswert?
Ach was – passt schon, und vor allem die zweite CD ist gleichzeitig nostalgischer Gruß („In The Hall Of Stormy Oceans“ mit verschärftem Ritt auf „The Knife“) und aktuelle Reflektion. Man kann es berauschend oder betäubend nennen, lebendiges Musizieren, oder Reproduktionen eines geflügelten Schweins, das losgelöst über Industrielandschaften fliegt; eins bleibt unbestritten: hier will nichts auf Teufel komm raus erfolgreich sein und dem Kommerz seinen Tribut zollen. Mag sein, dass es eine sanfte Lüge ist, oder zumindest eine getarnte Flucht. Aber es fühlt sich verdammt gut an.
Nicht zuletzt: auch mit dem noch längeren „Whirlwind“ im Nacken ist „The End Is The Beginning Of The End“ einer der herausragendsten Longtracks der letzten Jahre. Für 2009 sowieso.

Das gespannte Warten auf ein Lebenszeichen MORPHELIAs hat sich gelohnt. Auch, oder gerade, weil sich die Band in eine Richtung weiter entwickelt hat, die man nicht unbedingt erwarten durfte. Nicht Metal, Melodic, oder gar AOR; sondern das volle Pfund Geschichte-des-Progressive-Rocks-mit-Artverwandtem-im-Visier. Da kann man sich leicht verheben. Nicht so MORPHELIA.

Die aktuellen Veröffentlichungen RIVERSIDEs, PORCUPINE TREEs und AND YOU WILL KNOW US BY THE TRAIL OF DEADs mal beiseite gelassen, ist „Waken The Nightmare“, noch knapp vor PARZIVALS EYEs “Fragments”, ein Spitzenplatz auf dem Siegertreppchen meines persönlichen Jahrespolls sicher.

Erhältlich über die Homepage der Band und www.justforkicks.de.!

Punkte: 13/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 05.11.2009

Tracklist

  1. CD 1:
  2. Walk Through The Park
  3. The En-Trance (From The Outside Coming In)
  4. Hunt In The Hall
  5. In The Captain's Room
  6. Never-Ending Steps
  7. Blue Chamber
  8. 365 Windows (From The Inside Looking Out)
  9. Mirror Labyrinth (Lost In The Way)
  10. From The Room Of Silence
  11. -
  12. CD 2:
  13. Imaginos (A Taste Of Evil)
  14. On The Roof (A Taste Of Freedom)
  15. In The Hall Of Stormy Oceans
  16. The End Is The Beginning Of The End

Besetzung

  • Bass

    Renko Rickerts

  • Gesang

    Günter Grünebast

  • Gitarre

    Guido Fröhlich, Renko Rickerts (acc.)

  • Keys

    Günter Grünebast

  • Schlagzeug

    Elmar de Groot

Sonstiges

  • Label

    Vossphor Records

  • Spieldauer

    CD1: 59:47 / CD2: 57:39

  • Erscheinungsdatum

    16.10.2009

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