Zurück

Reviews

Staind: The Illusion Of Progress

Stil: Post Grunge / Alternative Rock

Cover: Staind: The Illusion Of Progress

Wenn man einem alten Maulesel auf den Hintern schlägt, wird er zuerst vor Überraschung wiehern und mit den Hinterhaxen austreten, bloß um dann wie ein heißer Sack Luft einzugehen und vor dem Berg zu kapitulieren. Vielleicht ist es einfach so, dass der alte Esel seine Schuldigkeit getan hat. Sollen doch die Jungtiere den Kram da hochschleppen.
Vielleicht hat ja auch Aaron Lewis seine Schuldigkeit getan.

Strotzte der Post-Grunge zu “Break the Cycle”-Zeiten noch vor lauter Kraft, so hatten die jüngsten Veröffentlichungen der STAIND-Schmiede stets den Sexappeal einer Zwei-Minuten-Terrine. Bei “Chapter V” beispielsweise wurden für Sekundenbruchteile Auskopplungen wie “Right Here” oder das fetzige “Paper Jesus” von der Fachpresse gepusht, nur um überhaupt was zu pushen in der Suppe der Belanglosigkeit. Irgendein gutes Haar muss sich doch finden lassen.

Auch das sechste Studioalbum startet mit dem konventionellen, aber gut abgehenden “This Is It” und dem ebenso druckvollen “The Way I Am” erstmal ordentlich durch. Das war der besagte Tritt des Maulesels. Nichts, was man nicht schon kennen würde, diese Tiere sind nun mal von Natur aus bockig und das mögen wir ja so an ihnen. Kurz ist man irritiert: Könnte das altgediente Ding den jungen Burschen etwa noch eine Lektion erteilen?

Mitnichten. “Believe”, der Michael Meier unter den Songtiteln, reißt die Hoffnungen auf neu entdeckte Aggressionen mit seichten Balladenklängen von erschreckender Nichtigkeit im Nu wieder ein. Aus zwischenmenschlicher Perspektive freut man sich über das sinnfreie Fahrstuhlgedudel, denn es muss bedeuten, dass es dem Herrn Lewis wieder richtig gut geht. Musikalisch ist das aber eine einzige Bankrotterklärung.

Und die zieht sich bis zum Ende. “Save Me” (nicht minder Michael-Meierisch) knüpft nahtlos an, obwohl das ein oder andere “Fuck” in den versöhnlichen Klängen dann doch noch den obligatorischen Parental Advisory-Sticker sichert. “All I Want” (Michael Meier, die Dritte) fehlt nun sogar das Traurige. Jetzt wird’s auch noch euphorisch-glücklich! Fast könnte man meinen, man befände sich gerade im Schlussakt einer Teeniekomödie, wo der Versager merkt, dass er die Schulprinzessin ganz doll liebt. “Pardon Me” (der Song von INCUBUS war aber besser) ist zwar immer noch sanft, klingt aber immerhin cool genug, um nicht als Soundtrack für “American Pie 9" missbraucht zu werden.

Und so geht es immer weiter, bis an Stelle 14 und 15 noch zwei Hits (“It’s Been A While”, “Schizophrenic Conversations”) live und akustisch aus dem Hiro Ballroom angehangen werden. Hier und da kommt mal wieder etwas Härte rein (zu erkennen an den dröhnenden Gitarren und dass Aaron Lewis in den aufgebrachten Gröhl-Modus wechselt), insgesamt bleibt es aber sanft, seicht, sahnig. Zu “Tangled Up In You” würde man selbst ein Kaffee-süchtiges Kleinkind in den Schlaf wiegen können.

FAZIT: Wem zum Albumtitel “The Illusion of Progress” nicht wenigstens ein blöder Spruch bezüglich der Weiterentwicklung von STAIND einfällt, der hat schlicht und ergreifend keine Fantasie. Schon das Cover, irgendwo zwischen CREED und PUDDLE OF MUDD, scheint zu fragen: Wohin des Weges? Der Maulesel antwortet mit einem belustigten Wiehern, das zu verstehen gibt: Nirgendwohin. Ich setz mich gleich hier auf den Stuhl und trällere ein paar Balladen.

Punkte: 4/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 02.04.2009

Tracklist

  1. This Is It
  2. The Way I Am
  3. Believe
  4. Save Me
  5. All I Want
  6. Pardon Me
  7. Lost Along The Way
  8. Break Away
  9. Tangled Up In You
  10. Raining Again
  11. Rainy Day Parade
  12. The Corner
  13. Nothing Left To Say
  14. It's Been A While (Acoustic At The Hiro Ballroom)
  15. Schizophrenic Conversations (Acoustic At The Hiro Ballroom)

Besetzung

  • Bass

    Johnny April

  • Gesang

    Aaron Lewis (Lead Vocals), Vernard Burton, Emoni Wilkins, Sharlisa Brooks, Zita Smith, Lajuanese Robertson, Carya Holmes-Brown (alle Gesang auf "The Corner")

  • Gitarre

    Aaron Lewis, Mike Mushok, John Pirruccello (Pedal Steel-Gitarre), Rick Barnes (Slide-Gitarre)

  • Schlagzeug

    Jon Wysocki

  • Sonstiges

    Johnny K. (Hammond-Orgel, Klavier), Stevie Blacke (Strings, Orchester)

Sonstiges

  • Label

    Roadrunner Records

  • Spieldauer

    66:46

  • Erscheinungsdatum

    05.09.2008

© Musikreviews.de