Das Auf und Ab ist die erste Eigenschaft, die einem assoziativ in den Schädel stößt, wenn man an Achterbahnen denkt. Ein Album mit einer solchen auf dem Cover müsste mit dem Laut-Leise-Schema spielen, hartes Gitarrenwerk mit lieblichen Momenten der inneren Ruhe kontrastieren.
Doch erschöpft sich die Achterbahnfahrt längst nicht in dem Spiel mit Kontrasten. Zentral für SYLVAN dürfte nach dem Hammer-Doppelschlag mit dem Konzeptwerk-Geniestreich “Posthumous Silence” und dem relaxten ArtPop-Nachtisch “Presets” der Faktor Fernsteuerung gewesen sein. Wer in der Kabine eines Achterbahnzuges sitzt, der lässt sich fallen und übergibt seinen Körper den Gesetzen der Physik, er genießt es, Wind und Schienen ausgeliefert zu sein.
Nun fällt “Force of Gravity” zwar eindeutig laut-leise aus, doch der Fallenlassen-und-Ausprobieren-Aspekt nimmt nach den Anstrengungen der letzten Jahre die größten Anteile ein. Was die Hamburger da vorlegen, ist die Entsprechung von Peter Jacksons Kindheitstraum “King Kong” nach dessen gewaltiger “Ringe”-Trilogie. “Posthumous Silence” als “Herr der Ringe”, “Presets” als dessen überlanger Epilog, “Leaving Backstage” als die “Herr der Ringe”-Extended-Edition-DVD-Auswertung... da möchte “Force of Gravity” nicht nachstehen und trotzdem Wolkenkratzer erobern und mit seinen 70 bombastisch aufgezogenen Musikminuten in vielspuriger Abmischung geschichtsträchtige Akzente setzen.
“Force of Gravity” ist letztlich eine Fingerübung - aber mit Anspruch. Für sich in Anspruch nimmt die Band beispielsweise, neue Grenzen auszuloten, abwechslungsreich und episch zu musizieren sowie alte Fans und neue friedlich zu vereinen. Ein Spagat über die unterschiedlichsten Erwartungen sollte es werden und ist es geworden, doch das Resultat entwickelt über weite Strecken so wenig Dynamik, wie man es von einer Band wie SYLVAN, die sich bis “Posthumous Silence” von Album zu Album steigerte, noch nicht kennt.
Ähnlich wie bei RIVERSIDEs “Anno Domini High Definition” geht es darum, sich von einem Konzeptwerk loszueisen; ähnlich wie bei RIVERSIDE bedient man sich dazu einer losen Ansammlung von Themen unserer Gegenwart. Ungleich RIVERSIDE jedoch geht der Plan nicht ganz auf, denn der ersehnte Richtungswechsel fällt kaum ins Gewicht und wenn man ihn doch mal wahrnimmt, so wie auf dem hektisch-punkigen “God of Rubbish”, kommt er sprunghaft und unkoordiniert daher.
Über weite Strecken ist “Force of Gravity” jedoch trotz des erstmaligen Fehlens von Gründungsmitglied und Gitarrist Kay Söhl durchtränkt mit klassischen SYLVAN-Markenzeichen. Die neoproggige Verliebtheit in griffige Melodien scheint nach wie vor durch, das alte Problem der dramaturgischen Zerfaserung einzelner Songs tritt immer noch auf und alleine Marco Glühmanns Vocals sind dermaßen markant, dass jede Band, die er mit einem Gastauftritt beehren würde, automatisch nach SYLVAN klänge.
Glühmann aber ist schon ein Problem auf der neuen Platte. Ohnehin genießt man seine Stimme ja mit dem Suspense eines auf dem Mixerglas balancierenden Frosches, doch so hervorragend sie den zurückliegenden Alben mit dem schnellen Wechsel von Normalgesangsstimme zum Falsett stand, diesmal geht sie oft am Ziel vorbei. Er probiert viel, extrovertiert sich bis zum Exzess und entschwebt manchmal sogar in die Atemtechniken eines Matthew Bellamy. Wenn allerdings quengelige Penetranz dabei zu Tage tritt, ist das alle Experimente nicht wert. Glücklicherweise fängt sich Glühmann mit zunehmender Laufzeit und bereitet später dann doch noch ein paar Highlights in gewohnter Klasse.
Solche hat das Songwriting diesmal kaum zu bieten. Songs wie “So Easy”, “Human Apologies” oder “Questions” boten auf den alten Alben mitreißende Riffs von einzigartiger Unverwechselbarkeit. Solche fehlen auf “Force of Gravity” fast komplett, allenfalls “From the Silence” gelingt es, ähnliche Zugkraft zu artikulieren. Der Großteil des Albums legt sich aber transparent wie eine Zäsur über das bisherige Schaffen, ohne ihm neue Kniffe zu geben. Wenn der eröffnende Titelsong die einzelnen Verse in “Muse”-Manier dazu nutzt, den Song in immer höhere Ebenen aufzuwiegeln, so werden damit keine neuen Wege beschritten, sondern eine Kurzzusammenfassung gegeben, wie SYLVAN bisher sowieso schon funktionierten. Da weiß nicht mal RAIN FOR A DAY-Engel Miriam Schell, nach “Presets” ein weiteres Mal zu Gast bei Freunden, mit ihrem wunderschönen Gesang auf “Midnight Sun” die Kohlen aus dem Feuer zu holen.
Verlass ist aber immerhin auf den Longtrack: “Vapour Trail” bestätigt das Progklischee Nr. 1 (“lang = guuuut”) und setzt in seiner Viertelstunde das Highlight, das doch noch versöhnlich zurückblicken lässt. Hier greift der Geist der Platte mal und schält sich auch erfolgreich aus den Trademarks der Hanseaten heraus, vielleicht, weil genug Zeit bleibt, zu strukturieren.
FAZIT: Der neu entdeckte, quasi-improvisierte Halbexperimentalismus steht SYLVAN nur bedingt. Wo sind die zwingenden Kompositionen, wo der emotionale Zauber? Viele Elemente auf “Force of Gravity” sind eine alte Masche, oder einfach nur der ausgeblutete Charakter der Band, sofern man davon ausgehen kann, dass die Songs direkt aus dem Herzen aufs Papier geflossen sind. Nur sind SYLVAN am besten, wenn sie ihre Früchte reifen lassen und man die Details entblättern kann; so wie auf dem Longtrack “Vapour Trail”, so wie auf dem zu Ende gedachten “Posthumous Silence”-Epos. Es scheint, als werde nun der Abstieg von der Spitze angetreten, doch ist nicht zu unterschätzen, was in diesen Hamburgern noch steckt, wenn sie sich mal wieder richtig Zeit nehmen für ein Album.
Für diejenigen, die diese Kritik noch vor dem 25. September lesen, aber auch alle anderen: “Force of Gravity” kann auch auf der bandeigenen Homepage über http://www.sylvan.de/shop/ bezogen werden. Der Vorteil für die Band: Es geht kein Anteil an die Zwischenhändler verloren, weil ihr direkt an der Quelle kauft. Der Vorteil für euch: Seit Anfang August schon wird das Album an Vorbesteller ausgeliefert. Damit hat man die Platte knapp zwei Monate früher in den Händen als die diversen Händler.
Punkte: 8/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 12.08.2009
Sebastian Harnack
Marco Glühmann, Miriam Schell
Jan Petersen
Volker Söhl
Matthias Harder
Ida Fan, Maike Mader (Violine), Joachim Kelber (Bratsche), Ann-Katrin Eisold (Cello)
Sylvan Music
69:32
25.09.2009