Ähnlich wie HAWKWIND starteten SOFT MACHINE zu Jazzrock- und Prog-Pionierzeiten grandios, verloren sich aber im Szenedickicht mit der Zeit ob immer weniger zwingender Alben und durcheinandergeworfener Lineups. Im Laufe der Jahre ist bei beiden Gruppen kein Besetzungsstein auf dem anderen geblieben. Zumindest firmiert diese Inkarnation der gar nicht so weichen Maschine unter dem Zusatz LEGACY, und dessen ungeachtet ist ihr aktuelles Livealbum über alle Zweifel erhaben.
Dabei lässt "Has Riff" - impressionistisch, rein materialhaftes Getöse - eher aufs Gegenteil schließen. Angebracht wäre bei diesem zu langen Intro-Ersatz eher der Titel "need riff" ... "Grapehound" hingegen wird stilecht mit Saxofon eingeläutet, welches zum Gitarrensolo hinführt. Daraus wiederum erhebt sich im letzten Drittel ein energischer Abgeher, welcher deutlich macht, dass diese alten Herren es noch draufhaben. "Nodder" bleibt gediegener, nachvollziehbar melodiös inklusive lyrischer Gitarrenmotive sowie malerischer Sax-Lines, und "In The Back Room" punktet funky mit schmatzenden Clean-Licks. Hier fällt außerdem vor allem das Drumming auf, dessen Variantenreichtum im folgenden "Song Of Aeolus" mit einem Solospot belohnt wird. Ansonsten ist dieser Track extrem ruhig und deshalb auch etwas zu lang; am Ende erntet er dennoch Applaus - das mithin einzige Zeichen, dass man es fürwahr mit einer Liveeinspielung zu tun hat. Der Fokus liegt also eindeutig auf der Musik selbst und weniger im atmosphärischen Bereich der Konzerthalle.
Das anschließliche Doppel entwickelt sich zum kraftvollen Antrieb und Höhenflug, den "Gesolreut" weiterhin lebhaft fortsetzt. "Facelift" lebt vom Zusammenspiel der Melodieinstrumente, zerfranst jedoch gen Ende und geht ins Finale "Last Day" über, ein unverhältnismäßig höhepunktarmes Stück, das vielmehr auf einen harmonischen Abschluss hin ausgerichtet ist. Schließlich sind die Herren nicht mehr so jung und müssen nicht den Rebellen hervorkehren. Statt Stürmen und Drängen klingt jedoch keineswegs Fahrstuhl-Jazzigkeit an; vielmehr tönen SOFT MACHINE LEGACY vertraut, da ihr Stil sich seit Jahren als eigenes Genre etabliert hat. Qualität und Originalität sind unterdessen nicht häufiger anzutreffen, im Falle von "Live Adventures" jedoch reichlich vorhanden.
FAZIT: Diese Abenteuer sind in "déjà entendu"-Zeiten kaum mehr als solche zu bezeichnen, erinnern jedoch daran, wie die Jazzprog-Szene einst blühte und mit den ursprünglichen SOFT MACHINE Säulenheilige besaßen. Wer heute immer noch gern MAHAVISHNU ORCHESTRA oder spacigere Varianten der Stilistik hervorkramt und mit den ungleich schwächeren Polen SBB etwas anzufangen weiß, der sollte sich an MoonJune wenden und dieses hübsche Digipack erstehen.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 09.11.2010
Roy Babbington
John Etherbridge
John Marshall
Theo Travis (wind instruments)
MoonJune
58:14
29.10.2010