Im letzten Jahr lieferten plötzlich SINISTER das späte, wohl kaum zu erwartende Meisterwerk ihrer Diskografie ab, das, wäre es vor 20 Jahren erschienen, heute vermutlich Klassikerstatus hätte (Review <a href="http://www.musikreviews.de/reviews/2008/Sinister/The-Silent-Howling/">hier</a>). Mittlerweile ist praktisch alles schon mal da gewesen, jede stilistische Nische wird mit Veröffentlichungen überflutet. Daher muss man den Begriff „Klassiker“ heute entweder ersetzen oder weiter auslegen. Tut man dies, fallen Scheiben wie die erwähnte SINISTER oder auch die vorliegende neue SOLSTICE in die begehrte, ein Album ultimativ adelnde Kategorie.
Denn obwohl die Grenzen des Death- und Thrash Metal längst abgesteckt sind und hier auch nichts Neues hinzugefügt wird, geht „To Dust“ als eines der – für den Geschmack des Rezensenten – besten Releases aller Zeiten an der Grenze dieser beiden Genres durch.
15 Jahre nach dem letzten von zwei ganz guten Alben will es die Saitenfraktion mit neuem Schlagzeuger noch mal wissen und rückt im Prinzip mit dem gleichen Rezept wie früher wieder an. Doch macht sie heute mehr aus ihren Möglichkeiten. Und die umfassen nicht nur handwerkliche Oberklasse, sondern auch das so wichtige „gewisse Etwas“, das sich in vielen Details zeigt. Am wichtigsten für einen guten Song ist freilich… der Song, und da punkten SOLSTICE auf „To Dust“ ganze 11 mal. Die Stücke sind durchweg hoch komplex, besitzen aber einen wunderbaren Fluss, wirken niemals zerfahren oder überladen, sondern fordern zum aktiven Zuhören und Entdecken auf. Dann sind sie nämlich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar eingängig und weisen Hooklines auf, die man in so komplexem Gebolze wahrlich nicht oft findet. Das erreicht die Truppe nicht zuletzt dadurch, dass sie die schwerpunktmäßig im Death Metal angesieldelten Songs nicht mit Blastbeats überlädt und zu sinnlosen Frickelorgien verkommen lässt wie etwa HATE ETERNAL oder die meisten Deathcore Bands. Vielmehr wird die Spanne vom Blast bis zum mörderischen Kriechgroove durch göttliche Breaks klar strukturiert, und wenn man es am wenigsten erwartet, bricht aus heiterem Himmel auch mal ein räudiger Crustpart mit aller ungehobelten Vehemenz über einen herein. Diese Momente sind es, die die Songs zu etwas Besonderem machen, aber da ist noch mehr. In den letzten Jahren wird die wirklich harte Musik immer mehr mit einer gewissen, für mich sehr uneffektiven Melodik kombiniert. Denn eine Melodie ist nicht brutal. Wenn ich also wirklich brutale Musik genießen möchte, sollte sie für mich möglichst unmelodisch sein. Und da kommen wir zum eigentlichen musikalischen Genie der Band. Die Riffs sind aber so was von BRUTAL! Es gibt natürlich die pfeilschnellen Läufe, die zu dieser Art Musik einfach gehören. Aber ein ums andere Mal klingt die Gitarrenarbeit, als hätte sich Tommy Victor von PRONG entschieden, es mal mit Death Metal zu versuchen. Tief gestimme, ruppige, abgetoppte, böse grollende Riffs hacken sich überfallartig und mit einer Aggression in die Hirnwindungen, die eben mit der gestohlenen Melodei aus Göteborg nicht erreichbar ist. Auch das Gekeife von Christian Rudes kommt maximal sauer rüber und steckt die meisten Shouter der Szene in Sachen Aggro-Faktor locker in die Tasche. Und ein Sahnehäubchen spendieren uns die Amis auch noch. Den Sound. Man hört zwar, dass er nicht allzu teuer war, doch klingt die Scheibe sehr charakteristisch. Dazu ist nicht viel mehr nötig, als den Bass laut zu drehen und sich darum zu kümmern, dass er gut klingt. Der angezerrte Sound fügt sich mit den tiefen Gitarren zu einer mächtigen Wall Of Sound, die einen mit Wucht an die Wand klatscht und dafür sorgt, dass man sofort weiß, welche Scheibe da gerade läuft. Mit der nötigen Kreativität und dem Gespür für das Besondere kann man einfach viel machen, da sollten hunderte Bands da draußen mal genau hinhören. Viel besser als auf „To Dust“ geht es nämlich nicht.
FAZIT: SOLSTICE ist hier ein Meisterwerk gelungen, basta. „To Dust“ ist eine Lehrstunde in Sachen Komposition, Sound und Handwerk. Alle Beteiligten liefern Leistungen ab, die einen Standard für effektives Musizieren setzen, gleichwohl der persönliche Geschmack natürlich eine subjektive Sache bleibt. Aber wer auf diese Art Musik steht, dürfte an dieser Platte eigentlich nicht vorbeikommen. Erhältlich ist das Teil derzeit wohl nur als Import, aber das sollte Interessierte nicht schrecken, die Mühe der Beschaffung wird belohnt.
Punkte: 13/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 03.01.2010
Garrett Scott
Christian Rudes
Dennis Munoz, Christian Rudes
Brian Harris
Eigenproduktion/Vertrieb über CDBaby
41:49
24.11.2009