Der Schweizer Schlagzeuger und Komponist Alex Huber hat sich für sein SONAR ENSEMBLE mit zwei wahren Szenecracks des Jazz aus dem Land der Kantone zusammen getan. Neben dem Kontrabassisten Raffaele Bossard (JUNCTION BOX, JOE HAIDER QUARTET, LUCERNE JAZZ ORCHESTRA) stieg auch Ausnahmegitarrist Dave Gisler (ebenfalls LUCERNE JAZZ ORCHESTRA) mit ins Boot, und so schippert das perfekt aufeinander eingespielte Trio durch zahlreiche Gewässer - Grenzen ignorierend.
Gerne tauchen die drei in die Untiefen des traditionellen Jazz, doch auch dessen moderne Variante sowie Fusion und Free Jazz stehen dem gleichberechtigt gegenüber, sodass eine zeitlose Mixtur entsteht, die gleichermaßen rebellisch-respekt<i>los</i> wie huldigend-respekt<i>voll</i> dargeboten wird. Zuckerbrot-und-Peitsche-Jazz sozusagen. Soll heißen, dass die Musiker von Standards nicht viel halten, mit den einzelnen Ingredienzien aber behutsam umgehen.
Die Dynamik der Musik komplett ausreizend, zelebrieren Huber, Gisler und Bossard ihre stilistische Safari regelrecht und bieten von leisen Klangozeanen, turbulenten Improvisations-Tsunamis (die manchmal fast in Semikakophonie gipfeln) über groovigen Wellengang und polyrhythmische sowie polymetrische Jamsession-Tümpel bis hin zu wunderschön glitzernden Melodie-Seen und eigenwilligen, experimentellen Planschbecken einen wahren Overkill an Ideen, so dass die Gedanken von „Ach, wie schön!“, „Ui, coole Idee!“ und „Krass, das passt ja doch irgendwie!“ über „Hä? Wie spielt man denn sowas?“ und „In den Klängen möchte ich gerne baden!“ bis hin zu „Was zum Henker machen die da gerade?“ reichen. Und das ist eine verdammt spannende Sache, der man sich nur widerwillig entziehen mag.
FAZIT: Es scheint, als ließen hier drei Freigeister ihrem musikalischen Geist freien Lauf. Ein paar Vorgaben als Fundament, und beim Rest schauen wir mal, was passiert. Das mag weniger jazzaffinen Zeitgenossen und Anhängern fester Songstrukturen sowie konventioneller Ton- und Akkordfolgen vielleicht nicht so sehr zusagen, sie gar überfordern, doch wer sich auf einen von Minute 1 bis 66 absolut unvorhersehbaren Trip begeben möchte, der ist mit „While You Were Gone“ bestens bedient. Musiker, die solch ein Ohr füreinander haben, sind nämlich – auch im Jazz – äußerst selten in ein und derselben Band beisammen.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 03.11.2010
Raffaele Bossard
Dave Gisler
Alex Huber
Unit Records
66:50
15.10.2010