STIAN SHIVER ist Teil des Dresdener Synthie-Poprock Duos PORTASH und hat die Zeit nach dem Debüt und vor dem nächsten Album genutzt, sein erstes Solowerk zu veröffentlichen. Weit hat er sich von seinen Ursprüngen nicht entfernt. Doch welch Wunder: er hat sich gesteigert, ist persönlicher, intimer und kompromissloser, was die Hinwendung zur romantischen Seite der elektronischen Musik betrifft.
Zunächst ein großes Kompliment: die synthielastige Musik SHIVERS steht auf eigenen Füßen, entgeht fast komplett der Gefahr in Tümpeln zu fischen, die DEPECHE MODE schon weidlich bearbeitet haben. Wenn man schon nach Vergleichen sucht, liegen WOLFSHEIM – ohne die Neigung zu zahnlosem Jammern in rhythmisch minderbemittelten Tracks – und JOHN FOXX wesentlich näher.
Aber STIAN SHIVER bietet was eigenes; kein Jodeldiplom, dafür ist seine Stimme nicht stabil und belastbar genug, aber eine gefühlvolle Variante elektronischer Sounds, die er mit leicht brüchiger Intonation vorträgt. SHIVER ist einer dieser Nicht-Sänger, die ihre Songs kongenial begleiten. Nicht gleich LOU REED und NEIL YOUNG schreien, aber oben genannter JOHN FOXX trifft den Tenor schon ganz gut. Oder umgekehrt.
Wichtiger noch ist: SHIVER hat ein Händchen für herzerwärmende Melodien, seine meist in entschleunigtem Tempo angesiedelten Lieder sind Balsam für die Seele, ohne in anheimelnde Beliebigkeit abzurutschen. Dafür sorgt die konzentrierte und sorgfältig abgestimmte Instrumentierung, die akustischen und elektrischen Gitarren Raum gibt, wenn die Zeit dafür angebrochen ist, und die nie überladen oder billig wirkt.
FAZIT: „Hibernation“ ist ein Album, das mit seinen Unvollkommenheiten hausieren gehen kann, weil es mit seinem intimen und ergreifenden Gestus punktet und eine Menge großartiger Melodien im Kleinen zu bieten hat. Hier ist nichts überkandidelt oder glamourös; STIAN SHIVER zeigt wie intim elektronische Musik wirken kann, wenn sie mit Gefühl und Verstand zubereitet wird. Über gesangliche Schwächen lässt sich gelassen hinwegsehen, zeigen sie doch, dass selbst Musik, die hauptsächlich mit Maschinen produziert wird, in manchen Momenten durch menschliche Schwächen an Bedeutung gewinnt.
Wer sich beeilt, kann „Hibernation“ mit prall gefüllter Bonus-CD erstehen. Und die ist nicht ohne: Fünfzehn Tracks, allesamt Remixe, die weder langweilen, noch nerven. Und manchmal den grundlegenden Songs hörenswerte Alternativen entlocken. Genuss ohne Reue.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 27.07.2010
Stian Shiver
Stian Shiver (all instruments)
NewEx Records
52:09 / 71:28 (Bonus CD)
16.07.2010