„Den kennste doch! Das ist doch... ja sach mal... das ist doch der, der bei, ja wie heißt der noch mal, der hat doch in zig Krimis und Spielfilmen mitgespielt, Mensch...“ - so erging es mir, als mir im Booklet ein ziemlich bekanntes Gesicht aus der deutschen Film- und Fernsehlandschaft entgegenblickte. Die Glatze. Diese eigenwillig wuchernden Ohren. Die buschigen Augenbrauen, die markanten Gesichtszüge und das grobe Erscheinungsbild. In der Tat ist es Schauspieler Hans-Martin Stier, der sich am Mikrofon austobt und der Band ihren Namen schenkte, bevor man bis vor nicht all zu langer Zeit noch unter dem Banner „Kahle Mönche“ firmiert hatte.
Doch die Vergangenheit reicht weiter zurück, denn 60 Prozent der Band – neben Stier noch Charlie Steinberg und Walter Stöver - waren bis ins Jahr 1982 als TÖRNER STIER CREW unterwegs und dabei allers andere als erfolglos. Zwar spielte man immer wieder mal Reunion-Gigs, doch ansonsten gingen die Wege klar auseinander. Steinberg entwickelte die heute weltweit bekannte Musiksoftware Cubase, Stier widmete sich der Schauspielerei. Aber genug geschwafelt. Rund 28 Jahre später wollen es die mit Lee C. Pinsky und Tom Guenzel verstärkten alten Herren noch einmal wissen und machen dabei keine schlechte Figur.
Fundament auf „Reden!“ ist recht harter, abwechslungsreicher, oftmals mit Ironie beflügelter, eigenständiger Rock zwischen klassischer und moderner Ausrichtung. Manchmal steckt in den Songs eine Aggression, die so manche Metalband blöd aus der Wäsche schauen lässt („Tanzen“), andere Stücke wie „Du tust und weh“ bergen ganz schön viel Düsternis in sich, und im Kontrast dazu weist der Dreizehntracker eine Menge positive Passagen auf, die aber niemals cheesy tönen. Okay, fast niemals, denn „Stalker“ kommt schon ein wenig debil rüber und darf als einziger Totalausfall gelten.
Stier selbst weiß seine vereinnahmende Stimme variabel einzusetzen, und hierbei dürfte ihm seine Schauspielerfahrung sehr von Nutzen sein, denn es scheint oft so, als ob er in den Songs in die Rolle des jeweiligen Protagonisten schlüpft, in das thematische Filmset springt und in dem jeweiligen Charakter völlig auflebt. Das macht richtig Spaß, vor allem auch, weil die gesamte Truppe, die zu Teilen fast Rentenalter erreicht, mit einer Energie agiert, von der sich manch halb so alte Band einiges abgucken kann.
FAZIT: Während Un-Kapellen wie UNHERZ und 9MM ASSI ROCK'N'ROLL (sorry, ich konnte es nicht lassen, diese beiden Negativbeispiele aufzuführen...) den Deutschrock in den Dreck ziehen, sind es mal wieder ihre „Papas“, die alles wieder gerade rücken müssen.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 27.09.2010
Walter Stöver
Hans-Martin Stier
Lee C. Pinsky
Charlie Steinberg
Tom Guenzel
Fastball Music
45:09
01.10.2010