So viele Gefühle, so viel Schönheit, so viel Schmelz…woher kommt das bloß? Der Mensch findet keine Ruhe, bis er eine Antwort auf diese Frage hat. Deswegen, einer "III" anstatt: willkommen in der Desoxyribonukleinsäure von Aviv Geffen und Steven Wilson.
Von Titel wegen könnte man glatt auf die Idee kommen, BLACKFIELD werden noch puristischer, wühlen all den Ballast zur Seite und legen den Blick frei auf eine zum Sterben schöne Perlmuttkugel, ohne den ganzen Tand und die Schnörkel der Schale. Das Einfache noch einfacher machen und im Angesicht des Glanzes der simplen Wahrheit des "Songs", dieses schlichtesten und grundlegendsten aller Gefäße der Musik, vor Ehrfurcht erstarren.
Denkste. Es geht genau in die andere Richtung. Wer sagt denn auch, dass Schönheit aus der Unschuld entsteigen muss? Jetzt machen BLACKFIELD klar Schiff: "Welcome to my DNA" ist die Demontage der Harmonie und des Pathos. Wer in dem britisch-israelischen Projekt bislang ein Flaggschiff für den Song an sich gesehen hat, wird nun Zeuge, wie die Schiffskanonen den Lauf in den Himmel richten und mit Absicht ihren eigenen Bug treffen. "Here comes the blood", weinen Wilson und Geffen im anklagenden Chor beispielsweise, während folkloristische Töne in ungewohntes Terrain vorstoßen – und es besteht kein Zweifel, dass man uns mit den Massen an Blut ersäufen möchte. "Go to hell" ist dahingehend der absolute Höhepunkt: drei Sätze ("Fuck you all", "I don't care", "Go to hell"), die bei BLACKFIELD hässlicher klingen als jede Vokabel, die sich eine Porngrind-Truppe jemals ausdenken könnte. Sie werden bis zum Exzess wiederholt – keine Frage, das "Fuck" ist kein Ausrutscher, es ist ein Konzept.
BLACKFIELD sind immer ein Projekt gewesen, das man als eine Art Steven-Wilson-Gelegenheitsjob eingestuft hatte, gerade nach dem auf hohem Niveau stagnierenden Zweitwerk, und von der man nie etwas anderes erwartet hätte als weiterhin verlässliche Popnummern zum Glücklichheulen. Ihr plötzlicher Vorwärtsgang wirkt wie ein harter Schlag in die Fresse, mit dem das Projekt definitiv zur Band aufsteigt. Gerade noch döste man zu den Wohlklängen von "Blackfield" und "Blackfield II" ein, denen ein Album namens "III" eine nahtlose Verlängerung beigefügt hätte, da erfolgt mit Hinweis auf die eigenen Wurzeln der schallende Schlag – keine Frage, die Aufmerksamkeit ist wieder da.
Und doch ist das musikalische Resultat eine zwiespältige Angelegenheit. So eindeutig das Songwriting verteilt ist – 10:1 für Geffen – so uneinheitlich klingt das Album. Mit "Waving", seinem einzigen Beitrag, knüpft Steven Wilson direkt an die Britpop-Phase seiner Hauptbeschäftigung an – der Identitätsverlust nimmt seinen Anfang. Geffen wiederum haut alles Mögliche rein: BEATLES-Anleihen, symphonischen Kitsch, klassisches Gitarren- und Pianoballadenmaterial und mit Härte angereicherte, enorme Stilbrüche. Momente der gefühlten Perfektion, wie man sie von Songs wie "Pain" oder "1,000 People" kennt, bleiben aus. Und trotzdem können oder wollen die beiden Songwriter nicht ganz aus ihrer Haut. Fast alles klingt am Ende doch nach BLACKFIELD, weil all die Stilbrüche, mit denen das Album provoziert, Stilbrüche lediglich im BLACKFIELD-Kontext sind.
FAZIT: Eine Geffen-Wilson-Injektion wie ein Pistolenschuss im prall gefüllten Theatersaal. Inhaltlich mit Sicherheit das interessanteste Album, musikalisch zumindest durchwachsen, weil zwar der Mut zum Risiko gesucht wird, die alles entscheidende Frage aber lautet: möchte man von BLACKFIELD überhaupt Mut zum Risiko sehen? Vielleicht nicht ganz auf diese Art. Die Instant-Ohrwürmer jedenfalls sind ausgestorben. Einige Stücke beginnen nach ein paar Durchläufen bereits zu wachsen wie ein guter alter Song von PORCUPINE TREE – woran nichts auszusetzen wäre, wenn die Stücke von "Welcome to my DNA" nicht am Ende doch noch unbedingt gerne BLACKFIELD wären. Ein Wachruf, und dann? Ruinen alter und maximal Grundgerüste neuer Bauten…
Punkte: 8/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 06.04.2011
Seffy Efrati
Steven Wilson, Aviv Geffen
Steven Wilson, Aviv Geffen
Aviv Geffen, Steven Wilson
Tomer Z
Aviv Geffen (Piano, Streicherarrangements), Eran Mitelman (Piano, Hammond-Orgel)
kscope
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28.03.2011