Schwere bis geschmackvoll melodische Riffs erweisen sich bereits im Opener als Markenzeichen von BOLUS. Schon ein paar Monate älter ist ihr zweites Album, aber erst jetzt wird es hier vertrieben: "Delayed Reaction" klingt nicht unbedingt wie eine solche, also ein Relikt aus vergangenen Tagen, kann sich aber mannigfaltiger Assoziationen mit den vermeintlich guten und definitiv alten Siebzigern nicht erwehren. Will es auch gar nicht, weil Krämpfe anderswo geheilt werden müssen, nicht so bei diesem Quartett.
"Outside" klingt verträumt, anfänglich flötend und später wie eine PORCUPINE-TREE-Ballade ohne Wilsonsche Kälte, sondern eher YESig-idealistisch. "Instructions" dient als metallisches Kontrastprogramm mit dichten Arrangements, hypnotischem Bass und perkussivem wie mellotronischem Zierrat. Im Verbund ergibt sich zunächst eine dringliche Atmosphäre, die nach wenigen Minuten auflockert. Der Track wird lichter, melodischer und regelrecht beschwingt-hoffnungsfroh. Toll sind hier vor allem die Vocals geraten, die Texte ohnehin anhaltend hörenswert, und das Ende als Rückgriff auf den Beginn interessant mit Hinblick auf seine mögliche Deutung - ein weiterer Grund, die Lyrics zu studieren. Hübsch RUSHig muten solche Gesangsarrangements an, wie auch die mit dem Toronto-Trio vergleichbare Zweckmäßigkeit beim Einsatz der eigenen Instrumentalkünste. Hier dient nichts der Angeberei, BOLUS spielen relativ kompakt und dennoch weit ausgreifend auf, sodass "Push To Exit" zu einem schlicht träumerisch schönen Zuneigungsbekenntnis wird und "White Window" vergleichbar quirlig - Gleich zu Beginn mal dem Text lauschen und schmunzeln … "He And I Like" gemahnt an nachdenkliche MARILLION, und wenn der "Postman" zweimal klingelt, dann abseits des Progrock-Schemas im jazzigen (Walkingbass) wie dubbigen (Wo ist die Eins?) Ton. Der kurze Song dient all jenen als Anspieltipp, die sich gerne mit nicht zwanghaft visionärer, dafür aber grenzenlos kreativer Rockmusik auseinandersetzen.
"Doorstep Thoughts" überrascht als kurzes, elektronisch pulsierendes Zwischenspiel, ehe es mit dem langen Dreiteiler "Drawing A House In Perspective" prog-(!)rammatisch weiter- und abgeht. Bereits der erste Teil "Home Is Where the Heart Is" unterliegt Stimmungsschwankungen, während der Mittelteil metallisch stolziert und sich noch vor den beiden Klammerparts als eigenständiger Track deuten lässt (als solche sind sie sowieso alle anwählbar) - Hooks und Texte vom Feinsten. Der Abschluss "Steps Under Shelter" changiert zwischen Morsecodes und relativ basischem Rocksong, reißt aber nicht minder mit. Die Nullredundanz, was die verschiedenen Elemente der Trilogie betrifft, unterstreicht die beträchtlichen Liedschreibe-Qualitäten der Combo.
FAZIT: BOLUS komponieren beflissen; Herz- und Bauchanteil wurden genau austariert, und man scheut sich gleichzeitig nicht davor, den Arm weit auszustrecken beziehungsweise sich all das einzuverleiben, was seit den Spätsiebzigern im Progbereich für Gesetztheit gesorgt hat und neue Perspektiven brachte: Songfokus bei gleichzeitiger Schrankenlosigkeit mit Hinblick auf die Arrangements. Auch heute gilt diese Methode als relevant, wenn man sich allzu eklektische Stilmischer ansieht und vor allem leider auch anhören muss. "Delayed Reaction" ist dahingehend eine Wohltat für die Ohren, alt wie modern zu gleichen Teilen.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 08.03.2011
Daniel Avner
Nick Karch
Nick Karch
Kyle Grounds
Mat Keselman
Bolus Music Group / Just For Kicks
70:12
11.02.2011