In einem Meer aus Erinnerungen findet man sich schnell mal wieder, wenn alte Bekannte nach zehn Jahren Abwesenheit endlich ein neues Album auf den Markt bringen; nur bei BUSH werden die Erinnerungen kaum über den Umfang einer Lache hinauskommen. Das liegt zum einen daran, dass das letzte Lebenszeichen „Golden State“ komplett am allgemeinen Geschmack vorbeirauschte. Zum anderen war Gavin Rossdale ja doch immer irgendwie präsent; wenn nicht durch seine schauspielerischen Ambitionen in Serien und Filmen oder über seine Frau Gwen Stefani, dann über INSTITUTE oder seine Soloarbeit „Wanderlust“. Alles klang stets nach BUSH, man war also nie richtig fort.
Jetzt fehlt so ein bisschen die nostalgische Antriebskraft bei der Zielgruppe (welche auch immer das sein mag). BUSH sind also wieder da, noch dazu mit Bob Rock im Gepäck, mhm, soso, na dann willkommen zurück. Nun ist „The Sea Of Memories“ passend dazu aber exakt das Puzzlestück, das so und nicht anders auch um 2003 herum hätte platziert werden können, wenn man gewollt hätte: Nach den rotzgrungigen ersten beiden Platten erschien das Elektrorock-Experiment „The Science Of Things“ - rückte das schlichtere „Golden State“ nach - wäre das durchgängig radiotaugliche „The Sea Of Memories“ gefolgt, ohne dass sich jemand über den Sound gewundert hätte. Jetzt wurde es also anstatt vor sieben oder acht Jahren eben heute nachgereicht. Mensch, wenn dieses Comeback einem „The Science Of Things“ etwas voraushat, dann dies: Es lässt sich von Trends nicht ins Bockshorn jagen und zieht stur sein Ding durch. Jenes Ding, um das noch klarzustellen, sind refraingesteuerte Mainstream-Alternative-Rock-Hymnen. Die BUSH-Quintessenz sozusagen.
Doch nimmt man dieser Band ihre Lust zum Experimentieren, was bleibt dann noch? Rossdales unverkennbare Stimme, die so kantig ist wie Keanu Reeves’ Silhouette und so zuverlässig wie Chuck Norris’ Bart. 4/4-Takte. Punkt. Kein Knistern mehr zwischen Gitarrenriffs und Elektronika wie in „The Chemicals Between Us“ oder „Warm Machine“, an dessen statt Bequemlichkeit, die sich problemlos auf jeden von Pop getränkten iPod verirren könnte. Songs, wie man sie vorspielen würde, um exemplarisch zu zeigen, in welchem Genre die Gruppe unterwegs ist; nicht etwa, um den Song selbst zu zeigen.
Die Konsequenz, mit der das geschieht, bleibt das einzig Beeindruckende an der Bob-Rock-Aalproduktion. Davon abgesehen ist es erstaunlich, wie eindruckslos fast das komplette Album am Ohr vorbeizieht, bis sich ausgerechnet auf den letzten drei Positionen noch mal ein paar Haken einnisten, allerdings auch nicht tief genug, dass man sich nicht wieder mühelos von ihnen losreißen könnte.
Wer dann noch zur wesentlich üppiger ausgestatteten „European Edition“ gegriffen hat, erlebt bloß eine Verlängerung der Zeit des Dahinsiechens. Die drei Bonustracks „The Year Of Danger“, „Ghost“ und „Lay Down Your Guns“ führen den Fahrstuhlrocksound der Haupt-CD nahtlos fort, so nahtlos sogar, dass der flüssige Anschluss an “Golden State” nicht mehr länger wie hohe Kunst erscheint; die Zweifel steigen, dass BUSH überhaupt noch was anderes hinkriegen als identitätslosen Durchschnitt. Die teils extrem fragwürdigen Remixe und weitestgehend kraftlosen Live-Aufnahmen begraben dann endgültig jedes Vertrauen.
FAZIT: Das bislang erfolgte Echo war verhalten positiv. Irgendwie überraschend; andererseits Ausdruck des Umstandes, dass man von BUSH wohl prinzipiell nicht mehr erwartet, als dass sie atmen.
Punkte: 5/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 05.11.2011
Corey Britz
Gavin Rossdale
Gavin Rossdale, Chris Traynor
Robin Goodridge
Ear Music / Edel
49:19 + 38:02
28.10.2011