„Man muss nur lange genug graben, um kleine Schätze zu heben!“, diese Weisheit scheint nicht nur für Archäologen zu gelten, sondern auch für Musikfanatiker, die ihre Suche nach verborgenen, abhanden gekommenen musikalischen (Live-)Schätzen niemals aufgeben. Mit viel Glück werden sie fündig – und eins der wohl momentan interessantesten Fundstücke ist das Album „Superkraut“ von MYTHOS. Ein längst in Vergessenheit geratener Konzertmitschnitt vom 5. März 1976, der live im Osterholz-Scharmbecker Stagge's Hotel mitgeschnitten und dem wohl sogar der Song „Stagge Inferno“ gewidmet wurde.
Zu diesem Zeitpunkt existierte die von STEPHAN KASKE gegründete Band bereits sieben Jahre und hatte zwei Alben, „Mythos“ (1972) und „Dreamlab“ (1975), veröffentlicht. Ihre Musik war bis dahin elektronisch angehauchter Krautrock, irgendwo zwischen HAWKWIND, AMON DÜÜL und ASH RA TEMPEL, der besonders durch KASKEs Querflötenspiel eine recht eigenwillige Note erhielt.
Allerdings verunsichert das „Superkraut“-Cover ein wenig, da es dem ersten Studio-Album „Mythos“ zum Verwechseln ähnlich sieht, aber nicht ein einziger Song dieses Albums auf dem Live-Mitschnitt enthalten ist, wogegen es fast das komplette, deutlich schwächere Album „Dreamlab“ in seiner Live-Variante zu hören gibt. Rückkopplungen, Publikumsgequatsche, Tonschwankungen und ein leichtes Rauschen inklusive – doch trotzdem in durchaus ordentlicher Klangqualität, wenn man bedenkt, dass diese Aufnahmen von einem bisher als verschollen geglaubten Tonbandmitschnitt aus dem Jahr 1976 stammen. Eine beachtliche Leistung allemal, die da Sireena Records da zustande gebracht hat.
So ergießen sich beim Hören Schlagzeug, Gitarre, Bass und Flöte sowie der nicht gerade als ein Highlight zu bewertende, sehr seltene Gesang und längere Improvisationen über den Freund sphärischen Krautrocks. Ab und zu schauen auch mal ein paar flirrende Electronics vorbei, die mitunter sogar die interessantesten Klangtupfer setzen. Hier gibt es keine musikalische Meisterleistung zu bestaunen, sondern ein besonderes Fundstück für Sammler. Authentizität vor Qualität ist die Devise – eine Devise, die bei solch rarem Konzertmitschnitt durchaus Sinn macht, wobei auch das liebevoll gestaltete Digi-Pack samt informativem Booklet in ganzer Linie zu überzeugen weiß.
Spätestens jedoch die Tatsache, dass mit „There's No God“ ein zweigeteilter Song plus ausgiebigem Drum-Solo, der es auf 17 Minuten Laufzeit bringt, aber nie auf einem Studio-Album erschien, „Superkraut“ veredelt, macht die Anschaffung dieses Albums für alle Mythos-Jäger und -Sammler unerlässlich. Allerdings nur für die – alle Anderen sollten schon der Klangqualität wegen erst einmal auf die ersten drei Studio-Alben zurückgreifen.
FAZIT: Ein wahres Sammlerstück und zugleich große Live-Entdeckung für alle, die vom 70er-Jahre-Krautrock nicht genug bekommen können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!
Erschienen auf www.musikreviews.de am 03.09.2011
Robby Luizaga
Stephan Kaske
Stephan Kaske, Robby Luizaga
Stephan Kaske
'Paradidel'
Sireena Records
51:49
02.09.2011