Aller guten Dinge sind (mindestens) drei. Mit „Deepest View“ präsentieren SPACE DEBRIS den dritten Teil ihrer Reihe bislang unveröffentlichter Archivaufnahmen. In diesem Fall mit der Ausnahme von "Anima“ und „Astronaut Versus Kosmonaut“, die es bereits als Bonustracks auf die Vinylausgabe der „Live Ghosts“ gab. Wieder handelt es sich um Live-Aufnahmen, was aber beim hohen Improvisations- und Jam-Charakter-Grad der Musik keine Rolle spielt. Beim Klang allerdings schon. „Deepest View“ klingt inhomogener als die beiden Vorgänger, insbesondere die Stücke aus der Weschnitzmühle ("legendärer Proberaum" der Band - deshalb nur quasi-Live) und leider auch aus dem Siegener Belle Epoque (meiner alten Stammkneipe, lang, lang ist’s her. Standard-Gedeck: Ein großes Bier, eine Flasche Apfelkorn zu Dritt und eine Packung Gauloises – mehr saß von unserem Taschengeld nicht drin. Dazu hätte SPACE DEBRIS wunderbar als musikalische Untermalung gepasst) hören sich nach halb geschlossenem Vorhang an. So ist das Leben halt, manchmal scheint die Sonne, manchmal herrscht Nebel. Akzeptabel ist der Sound allemal, musikalisch gelungen auch. Inklusive vorsichtigem FRANK-ZAPPA-hat-den-„Blues“-Gitarrensolo am Ende des, abschließend etwas abrupt ausgeblendeten, gleichnamigen Songs (natürlich ohne „FRANK-ZAPPA-hat-den-“). Gut unterrichtete Kreise wissen indes zu berichten, dass der Song eine kleine Hommage an Richie Blues von RAINBOW ist. Passt schon.
Herzstück des Albums ist das 21-minütige Titellied, ein orgellastiger, leicht psychedelischer Krautrock-Brecher, der zum Ende hin fast pastorale Züge gewinnt. Einer der spannendsten Longtracks, die SPACE DEBRIS bislang eingespielt haben. Aber bereits das jazzig verspielte "Mary-Jo-Anna" mit Winnie Rimbach-Sator am Piano überzeugt zu Beginn. Wobei sofort deutlich wird, dass eine saubere Trennung zwischen den beiden Besetzungen (bis 2004 mit Tom Kunkel an der Orgel, 2008/09 mit Rimbach Sator an diversen Keyboards) nicht gesucht wird. Es zeugt von SPACE DEBRIS innerer Geschlossenheit, dass das auch nicht nötig ist; die Reise quer durch die Zeiten, immerhin neun Jahre werden überwunden, funktioniert – bis auf den Klang – erstaunlich gut.
FAZIT: Auch bei den Ausgrabungen „Archive-Vol. 3“ gibt es kaum Ermüdungserscheinungen. Klanglich fällt „Deepest View“ gegenüber den Vorgängern ein wenig ab, hat aber einen exzellenten, langen, Titelsong zwischen Bar-Blues, mitternächtlichem Jam- und Krautrock zu bieten, den feinen Jazzprog-Trip „Mary-Joe Anna“ (was sonst), den treibenden, schwerblütigen, sacht zappaesken – und soundtechnisch leider schwächelnden – „Blues“ und einen gelungenen Ausflug „In A Gadda Da Vida“(„Latrino Mortadella II“). Mit dem gefälligen Rest wieder eine runde Sache. Da kann ruhig noch mehr aus den Archiven kommen.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 02.12.2011
Peter Brettel
Jerry Kranitz (12)
Tommy Gorny
Tom Kunkel (3,4,5,11), Winnie Rimbach Sator (1,2,6,7,8,9)
Christian Jäger
Eigenproduktion/breitklang
77:44
18.11.2011