Schön zu sehen, dass sich altgediegene Progger zunehmend mit ihrem Frühwerk versöhnen, wo jahrelang Kostverächtung betrieben wurde. STEVE HACKETT war schon immer angenehm anders und scheute seine Wurzeln nicht, wie er auch keineswegs darüber stolperte. Dazu besitzt sein Katalog bis hin zur Gegenwart auch zu viel Fleisch. Wundstoßen können sich also andere
2009 und 2010 wurde dieser Doppelteller in mehreren Weltstädten aufgenommen.
Es stellt einmal mehr - man kennt es bereits als Fan des Klampfers, nicht zuletzt auch von seinen optisch fein aufbereiteten DVDs - Solosongs ein paar Preziosen der Genetiker anheim. Das träumerische "Fire On The Moon" kommt trotz durchweg dezent im Hintergrund bleibenden Publikumsreaktionen innig durch die Boxen gekrabbelt und gibt den Vibe der Veröffentlichung vor. Satzgesang ist gleich in "Every Day" ein Thema, und zwar ein wunderbares, das den Tracks zur Fülle gereicht. "Emerald And Ash" kommt mit einem beseelten Rob Townsend am Saxofon, ebenso "Ghost In The Glass". So betulich es bisweilen zugeht, so quirlig bis gar fies gebrochen kann die Band aufspielen, wie das für HACKETT emblematische "Ace Of Wands" bezeugt. Die zwei CDs vereinen manches, was STEVE HACKETT im Laufe seiner Karriere angeschnitten hat, wiewohl die Klangavantgarde weitgehend außen vor bleibt. Also fehlen damit Klassik-Koketterien wie das Satie-Projekt, das der Künstler einst mit seinem Bruder John aus der Taufe gehoben hat. Folkloristisches, dann wieder geräuschhafte Experimente wie "Pollution C" oder dräuende Schleicher wie "The Steppes" in denen gewiss keine Antilopen herumhopsen, stehen an der Tagesordnung. Die heftige Abfahrt "Slogans" kommt ohne ebensolche aus, also gesangsfrei wie vieles auf "Live Rails", ohne dass man die Vocals vermisste. Auch fürs Schwofen zwischen den Stücken bleibt keine Zeit, dafür aber umso mehr fürs Schwelgen ("Serpentine") und Rocken ("Tubehead").
Die zeitlosen Spektralmorgen läuten zu Beginn von Teller zwo einen Klassikerreigen ein, bei dem das Wiedersehen mit GENESIS angenehm frisch anmutet. Zunächst bei "Firth Of Fifth" und nicht zuletzt mit "Los Endos". War die Reunion der Gruppe ohne Gabriel weitgehend überflüssig, wünscht man sich umso dringlicher, auch einmal "Foxtrot" und "Selling England"-Schoten in aktualisierter Form zu hören. Coverbands, die sich zumeist am Abschiedswerk des Erstsängers aufgeilen, bräuchte dann niemand mehr. Mit "Fly On A Windshield" und "Broadway Melody Of 1974" schwingt HACKETT sich hier wenigstens zum dramatischen Konzerthöhepunkt auf, welcher fast vergessen macht, dass die Tracks an verschiedenen Abenden festgehalten wurden. "Still Waters" bestreitet dann gleichsam furios wie versonnen den Endspurt - mit "Clocks" (Drumsolo inklusive) als Statement, dass der Künstler nicht am alten Lorbeerkranz knabbert … als hätte man das nicht ohnehin längst erkannt.
FAZIT: Livealben wie dieses rechtfertigen die Veröffentlichung solcher Unterfangen weiterhin: Gediegene Songauswahl, greifbare Stimmung und Modellpflege beziehungsweise schmackhafte Updates, was die Musik an sich betrifft. So darf es mit Hinblick auf die alte Prog-Garde gern weitergehen. Nehmt euch ein Beispiel, ihr leutseligen Säcke!
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 19.04.2011
Nick Beggs, Dik Cadbury
Steve Hackett, Armanda Lehmann
Steve Hackett, Armanda Lehmann
Roger King
Gary O'Toole
Rob Townsend (winds)
Inside Out / SPV
115:51
22.04.2011