Metalcore ist ein Sub-Genre, zu dem ich bisher kaum Zugang gefunden habe. Und eigentlich bietet auch das vierte Album von STRAIGHT LINE STITCH aus Tennessee vieles von dem, was mich an anderen Veröffentlichungen aus dieser Richtung stört: Dicke-Hosen-Riffs, künstlicher Sound, stereotyper Songaufbau mit Geschrei in den Strophen und melodischen Refrains.
Nur komischerweise gefällt mir das Gesamtergebnis in diesem Fall richtig gut. Das durchaus derbe Geshoute von Frontfrau Alexis Brown nervt nicht, ist variabel, und klingt trotzdem noch weiblich. Die Refrains sind zwar teils sehr zuckrig, kleben aber nicht, sondern zwingen vielmehr zu immer neuen Umläufen. Die Geballer-Parts werden technisch versiert und songdienlich eingesetzt, dabei wechselt die Gitarrenfraktion gekonnt zwischen Metalcore-, Death Metal- und eher bodenständigen Thrash-Riffs. Und schließlich passt selbst die fette Produktion einfach besser zur Musik als ein analoger 70er-Retro-Sound.
Die stilistische Einordnung „Metalcore“ greift ohnehin etwas zu kurz, da eine Reihe von Songs komplett auf Geschrei verzichten und auf radiotauglichen Alternative Rock à la GUANO APES bzw. ein klein wenig EVANESCENCE setzen, wie z.B. „Cold Front“, „One Reason“, „Living Dead“ oder die abschließenden Ballade „Ashes In The Wind“. Das größte Plus der Band sind aber die Ohrwurmmelodien in den Refrains der heftigeren Beiträge wie „Tear Down The Sky“, „Conversion“, „Never Surrender“ und vor allem „Bar Room Brawl“, bei denen Mrs. Brown auch mit ihrer normalen Stimme glänzt, was zwar fast schon Pop-kompatibel, aber trotzdem gut gemacht ist. Einzig „Sound Of Silence“ plätschert trotz des traditionsbehafteten Titels etwas höhepunktarm dahin.
FAZIT: “The Fight Of Our Lives” sollten auch Menschen ein Ohr leihen, die mit den obengenannten Stilrichtungen nicht so viel anfangen können. Denn in der Schnittmenge zwischen Hardcore, Metal, Alternative Rock und Pop sind STRAIGHT LINE STITCH eine ganze Reihe eingängiger Song-Perlen gelungen, die ihren Reiz nicht schon nach dem dritten Umlauf verlieren. Eine der unerwarteten positiven Überraschungen des Jahres.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 02.06.2011
Jason White
Alexis Brown
Seth Thacker, Pat Pattison
Kanky Lora
Spinefarm Records
42:04
27.05.2011