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Reviews

Lyriel: Leverage

Stil: Gothic/Celtic/Melodic Metal

Cover: Lyriel: Leverage

Ganz ehrlich: Die Zeiten, in denen ich auf Female Fronted Metal stand, wähnte ich schon lange abgeschlossen. Gothic Metal? Nein, danke. Mit keltischen bzw. mittelalterlichen Einflüssen? Um Gottes Willen. Und dann so was: „Leverage“ von LYRIEL hat mich komplett umgehauen. Wie aus dem Nichts, ohne, dass ich zuvor auch nur eine Note der drei Vorgängeralben gekannt hätte.

Was LYRIEL so einzigartig macht, ist zum einen der Stilmix. Grundsätzlich ist die Combo im Gothic Metal unterwegs, bietet aber auch genügend Versatzstücke aus dem Bereich des Celtic Rock, und auch der klassische Heavy Metal sowie zarte Balladentöne kommen hier keinesfalls zu kurz. Zum anderen ist es Sängerin Jessica Thierjung, die alle 08/15-Trällerelsen locker in die Tasche steckt. Kein Vergleich zu den fürchterlich gleichförmig piepsenden Liv Kristines dieser Welt. Kraftvolle Rockröhre? Kein Problem für Thierjung. Gefühlvolle Balladen? Singt sie mit links!

LYRIEL sind zudem meilenweit davon entfernt, ausgelutschte Melodien zu servieren. Noch mal ganz ehrlich: Wenn ich in einem Review etwas wie „Mix aus Gothic, Celtic und Melodic Metal“ lesen würde, wäre garantiert, dass ich einen weiten Bogen um diese Scheibe machen würde, aber, verdammt soll ich sein, bei LYRIEL passt das einfach perfekt zusammen. Auch weil die Band nicht den Fehler vieler anderer Combos macht, Melodien durch Keyboard-Aufgetürme plakativ nach vorne zu drücken. Sondern sie vertraut weitgehend auf die Stimme ihrer Sängerin, die die Richtung vorgibt; basierend auf einem äußerst soliden Rock- und Metal-Fundament dirigiert sie subtil die melodische Ausrichtung.

Angefangen beim melodisch-mitreißenden Opener „Leverage“ über das folkende „Parting“, das düster-schwere „Voices In My Head“ (was für ein Gottrefrain!), die zerbrechlich wirkende Gänsehautballade „The Road Not Taken“ (wer wissen will, was eine ausgefallene Melodie-Idee ist: reinhören!), den nächsten Überhit „White Lily“... ach, was rede ich: Neun Songs sind auf dem Album, die Anzahl der Volltreffer tendiert ganz stark in Richtung alle Neune.

Selbst die deutschsprachigen Songs „Aus der Tiefe“ und „Wenn die Engel fallen“ (hier schmettern die fantastische Sängerin und SCHANDMAUL-Frontmann Thomas Lindner ein herrlich schmachtend-schmalziges Duett), die lyrisch eine Steilvorlage zum Fremdschämen geben könnten, wissen zu gefallen – LYRIEL umschiffen jedes parat stehende Fettnäpfen mit traumwandlerischer Sicherheit. Metal, Gothic, Celtic, nennt es wie ihr wollt – LYRIEL rocken.

FAZIT: Weibliche Vocals, Cello- und Violinen als Dauerbegleiter, teilweise deutsche Texte, große Melodien – LYRIEL haben Stilzutaten, die viele Hörer flüchten lassen. Ich weiß. Wer sich aber ohne Vorurteile auf „Leverage“ einlässt, bekommt einen wahren Ohrgasmus geboten; das an der Grenze zur Perfektion wandelnde Produkt einer Band, die weiß, was sie will, die weiß, was sie kann. Und die sich vor allen Dingen viel, viel mehr traut als all die anderen gesichtslosen Gothic-Metal-Bands. Daumen ganz weit nach oben! Einziger Wermutstropfen: Die extrem kurze Spielzeit. Die limitierte Digipak-Edition enthält immerhin noch zwei Bonustracks (darunter eine Coverversion von „Everything Is Coming Up Roses“) und den Videoclip zum Titelsong.

Punkte: 13/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 23.02.2012

Tracklist

  1. When It’s Coming To An End...
  2. Leverage
  3. Parting
  4. Voices In My Head
  5. The Road Not Taken
  6. White Lily
  7. Aus Der Tiefe
  8. Wenn Die Engel Fallen
  9. Side By Side
  10. Repentance

Besetzung

  • Bass

    Steffen Feldmann

  • Gesang

    JessicaThierjung

  • Gitarre

    Oliver Thierjung, Tim Sonnenstuhl

  • Schlagzeug

    Marcus Fidorra

  • Sonstiges

    Linda Laukamp (Cello), Joon Laukamp (Violine)

Sonstiges

  • Label

    AFM Records

  • Spieldauer

    34:55

  • Erscheinungsdatum

    24.02.2012

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