Was einst anrüchig erschien, eben schwarze Musiker, die sich obendrein von „weißer“ Rockmusik beeinflussen ließen, obwohl sich diese eigentlich aus dem schwarzen Blues entwickelt hat, birgt heute wohl nur noch in erzkonservativen Kreisen politische Brisanz. So sehen MOTHER'S FINEST auf dem bildlich arg „authentischen“ (körniges Bild) 1978er Mitschnitt aus der Essener Grugahalle mit heutigen Augen betrachtet wie der fleischgewordene Soundtrack eines Blaxploitation-Movie aus, aber wie dem auch sei: Die Musik, eine Mischung aus hartem Rock und ebensolchem Funk beziehungsweise Soul, hat wenig Staub angesetzt – man schaue sich den 2003er Gig an, das eigentliche Zuckerstück auf dieser DVD.
Obwohl die Synths eine Zeitlang eine dominante Rolle bei MOTHER'S FINEST einnahmen, stand und steht Joyce Kennedys kräftige Stimme im Vordergrund. Sie kommt vor allem in den Groovern zum Tragen („Truth'll Set You Free“, „Give You All The Love“, „Rain“). Die Dozier-Holland Nummer „Mickey's Monkey“ zum Beispiel gibt Glenn Murdock einen seiner seltenen Spots, und spätestens hier entwickelt der frühe Auftritt eine hypnotische Wirkung aus stoischen Beats und gewaltigen Stimmen, wobei sich die Gitarrenarbeit genauso wenig unterschätzen lässt wie das Rhythmusgespann, allen voran Basser Wyzard, der damals wie im neuen Jahrtausend ein fetziges Solo abfeuern durfte beziehungsweise darf – womit wir beim zweiten Teil der Scheibe wären.
Auf Burg Satzvey kommen MOTHER'S FINEST in intimerer Atmosphäre und mit Verstärkung an der Klampfe daher – Keyboards Fehlanzeige. Hier zeigt sich die Band bissiger denn je und dürfte jedem „Hard Rock Lover“ gefallen, speziell auch die neueren Nummern, etwa das ruppige „N-Groove“, natürlich „Power“ oder das schleppend düstere „Flat On My Back“. Nach dem besonders kräftigen Mittelteil des Set versteifen sich die Musiker wieder auf Good Time Funk mit allgemeingültigen Parolen, gerne auch aus fremder Feder („Strawberry Fields Forever“ von den Fab Four als Publikums-Mitsingspiel, das Traditional „Whip Cream“). Das Ehepaar an der Front schwitzt und singt sich die Seele aus dem Leib, war vermutlich nie besser als in den 2000ern und wirkt gleichsam befreit wie mit Leidenschaft bei der Sache. Nach dem Medley am Schluss ist man geneigt, sich dieses Feuerwerk wieder zu geben. „Live At Rockpalast 1978 + 2003“ ist zumindest subjektiv betrachtet eine der besten Veröffentlichungen der Reihe.
FAZIT: MOTHER'S FINEST beim Rockpalast bedeutet Spielfreude, musikalische Klasse und unkaputtbares Songwriting eingedenk einer Geschichtsstunde in Sachen Rockmusik vor kulturell interessantem Hintergrund – siehe auch das knappe Interview im Bonusteil.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 04.05.2012
Jerry 'Wizzard' Seay
Glenn Murdock, Jonette Johnson, Joyce 'Baby Jean' Kennedy
Gary 'Moses Mo' Moore, John 'Red Devil' Hayes
Michael Keck
Barry 'B.B' .Bordan, Kerry 'Lovinggood' Denton
MIG (Made In Germany) Music
140:26
27.04.2012