Reunion-Verächter mögen widersprechen, aber finden Bands wieder zusammen, die in ihrem ersten Leben kein Bein auf den Boden bekamen, kommt dabei oft reizvolle Musik herum, die einerseits von Altersweisheit zeugt, andererseits aber auch kraftvollen Zug nach vorn hat, da die Protagonisten ihren Hunger während der wilden Jahre nie stillen konnten. MY VICTIM (zwischendurch BAD PRESS) sind eine solche Fußnote im Geschichtsbuch des kalifornischen Metal, und das Comeback „13“ ist eine überraschend ansprechende Platte geworden.
Nein, die Jungs spielen ihrer Herkunft und Carstensens Mitgliedschaft bei WARNING SF zum Trotz keinen Thrash, sondern Rock an der Schwelle zum Metal unter Wahrung der klassischen Werte: ausgefeiltes Handwerk, melodischer Gesang und Songwriting als dreieiniger Mittelpunkt. Insgesamt fällt die Musik von MY VICTIM schleppend und immerzu leicht melancholisch aus, was Assoziationen zu „feineren“ Alterna-Recken wie ALICE IN CHAINS („Wake Me“, „For Randy“) oder SOUNDGARDEN („Heroes Or Enemies“, „This Bitter Pill“) nach sich zieht.
Mit „Ashes To Ashes“ lehnen sich die Herren aus der Bay Area an die späteren FAITH NO MORE an und verschränken diese auf überzeugende Weise mit einem AOR-kompatiblen Refrain sowie zugleich finsteren Untertönen, was ihnen erst einmal jemand nachmachen muss. „Wake Me“ fällt hinterher ähnlich unfassbar, aber stimmig aus: durchsetzt von Akustikgitarre einer- und einem modern stockenden Groove andererseits, trefflich eingelocht schließlich durch den sehnsuchtsvollen Refrain. „Days Gone“, „Burning Life“ und „Hopeless“ sowie der Rauswerfer „Into Eternity“ drücken wie METAL CHURCH zu Hochzeiten, auch weil der Gesang gleichsam gefühl- wie kraftvoll ausfallen kann und die Rhythmusgruppe dynamisch pumpt.
Innerhalb ihrer recht weit auseinandergehenden Koordinaten sind MY VICTIM variabel und geizen obendrein nicht mit der heuer selten gewordenen Form von Gitarrensolo, die sich als Song im Song ausmacht. Kabinettstücke müssen die Musiker nicht zeigen, da die Kompositionen an sich stimmen, wenngleich kein Megahit dazwischen ist. Andererseits stinkt kein einziges Lied ab oder fällt auch nur durchschnittlich aus, was bei 14 an der Zahl beachtlich anmutet. Hervorheben darf man nichtsdestoweniger „No End“ wegen seines mordsmäßigen Hooks sowie das hämmernd verspielte „M.V.T.Z.M.“ und das relativ old-schoolige „Rise And Fall“, das sich nach einiger Zeit als Ohrwurm entpuppt.
FAZIT: „13“ zeigt eine erstaunlich frische „alte“ Band, die wie ein Rückgriff auf den Metal der Neunziger anmutet, der das Beste der Alternative-Welle annektierte beziehungsweise sich genauso wie deren maßgebliche Vertreter aufs Wesentliche beschränkte – Songwriting nach dem Prinzip der urtümlichen Rocker den späten Sechzigern (jawohl, man darf die BEATLES nennen, egal was die Metal-Leid(!)kultur meint). NON-FICTION kommen bei diesem angenehm unberechenbaren (hat jemand eine Ballade gehört?) ebenso in den Sinn wie KING’S X oder LAST CRACK, und das kommt einer seltenen Ehre gleich.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 10.08.2012
Torre Carstensen, W. Storkson
Torre Carstensen
Torre Carstensen, W. Storkson
Slade Anderson
Hands Of Blue
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08.07.2012