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Es gibt zwei Varianten, sich auf die "Comeback"-Scheibe von RUNNING WILD vorzubereiten. Möglichkeit 1: Man hört alte CDs aus den 80er und 90er Jahren, erfreut sich an den zahlreichen Perlen, die Rolf Kasparek (und die damals noch vorhandene Band) produziert hat. Möglichkeit 2: Man hört Vollkatastrophen der jüngeren Historie, so wie "Rogues En Vogue" etwa, und hat im Grunde genommen mit dem Kapitel RUNNING WILD innerlich schon abgeschlossen.
Nun, ich habe mich für Variante 1 entschieden, mich durch "Port Royal", "Death Or Glory", "Black Hand Inn" bis hin zu "Masquerade" gehört und dabei mal wieder festgestellt, wie hoch die Zahl der unsterblichen Klassiker der Piratenmetaller ist. Und dann das erste Mal "Shadowmaker" aufgelegt. Und war 52 Minuten später erst einmal (fast schon erwartungsgemäß) tief enttäuscht. Ein furchtbar steriles und monotones Schlagzeug, ein merkwürdig dünner Gitarrensound, Songs ohne Dynamik – das soll also eines der besten Alben der Bandgeschichte sein, wie angeblich aus dem Umfeld von Bandleader Rolf Kasparek verlautete?
Nun soll man mit solchen im Vorfeld einer Albumveröffentlichung getätigten Aussagen ja vorsichtig sein. Und auch nach mittlerweile gut 30 Umdrehungen ist "Shadowmaker" von der Band-Top-5 ungefähr so weit weg wie Griechenland vom Haushaltsüberschuss, doch ehrlicherweise muss man sagen: Die Scheibe wächst. Sie wächst, wenn man die Klassiker ausblendet, jene raumfüllenden Riffwände mit Kraft, Dynamik und Schwere. Dann findet man auf "Shadowmaker" einige Songs, die gut sind, einige sogar besser sind als vieles, was RUNNING WILD in den letzten zehn Jahren veröffentlicht haben.
Zu den Highlights zählen der Opener "Piece Of The Action", ein simpler Rocker, "Riding On The Tide", das die Piratenthematik wieder aufgreift und ein paar typische RUNNING-WILD-Riffs enthält, das flotte "I Am Who I Am", das extrem ungewöhnliche, extrem eingängige und eher an TWISTED SISTER erinnernde "Me And The Boys" (freilich mit "Let’s rock"-Lyrics der gehobenen FREEDOM-CALL-Kategorie zum Fremdschämen), der Titeltrack mit etwas höherer Geschwindigkeit und das abschließende "Dracula", das die interessanteste Gitarrenarbeit der Scheibe aufweist.
Das ist natürlich ein bisschen dünn, so insgesamt betrachtet. Gut, man muss Rolf Kasparek mehrere Sachen zugutehalten: "Shadowmaker" ist ein durchaus mutiges Album, weil der Bandleader sich nicht um die Erwartungshaltung der Fans kümmert. Es klingt ungewöhnlich unverkrampft, locker, spontan. Geändert hat sich auch der Gesangsstil des Frontmanns, der nun deutlich höher als auf früheren Alben singt. Allerdings verzichtet der Chef nicht nur auf den früher reichlich vorhandenen Hall, sondern auch auf ein gutes Stückchen Power und Dynamik. So lakonisch, wie er beispielsweise den Text zu "Locomotive" runterleiert, könnte man meinen, er wäre eher gelangweilt. Und dass einiges von dem Songmaterial spontan entstanden ist, bedeutet auf der anderen Seite, dass manche Songidee doch noch einer etwas intensiveren Überarbeitung bedurft hätte. Hatten wir schon das furchtbar monotone und abwechslungsarme Schlagzeug? Man darf es durchaus noch ein zweites Mal erwähnen, denn – egal, ob Mensch oder Maschine dafür zuständig ist – das klingt so einfallslos und variantenarm, dass es manches Mal schmerzt.
FAZIT: Auch bei der Beurteilung gibt es zwei Möglichkeiten. Legt man die Alben bis "Masquerade" zugrunde, ist "Shadowmaker" kaum mehr als ein laues Lüftchen, ein halbgarer Aufguss ohne Durchschlagskraft und Energie. Im Vergleich zu "Rogues En Vogue" – Möglichkeit Nummer zwei der Maßstabslegung – klingt der Schattenmacher teilweise frischer, spontaner, unverkrampfter, ehrlicher. Um zum Ende zu kommen: Manches auf "Shadowmaker" ist gut, manches ist Durchschnitt, manches ist richtig belanglos. Und das ist, immerhin waren RUNNING WILD mal eine echte Institution, unterm Strich einfach viel zu wenig.
Punkte: 8/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 02.04.2012
Rolf Kasparek
Rolf Kasparek
Steamhammer / SPV
50:12
20.04.2012