Die Wellen der Empörung waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vorliegender Scheibe meterhoch, nachdem der Rezensent und seine beiden Kollegen in ungeahnter Einigkeit sämtliche DAS NIVEAU-Alben trotz des steten Optimismus, mit dem man einem Release selbstverständlich entgegen tritt, durch die Bank mit negativen Kritiken bedachten. Dumm gelaufen - da landen die drei CDs bei drei der offensten Schreiberlinge, und alle sind sie derselben Meinung.
Mutigerweise sandte man diesem Magazin jedoch nicht nur jene Alben, sondern auch das Soloalbum einer DAS NIVEAU-Hälfte, nämlich SÖREN VOGELSANG. Hierfür hat der Rollenspielfan, Schauspieler und sich selbst auch DER BARDE RANARION nennende Musiker einige namhafte Gastmusiker um sich geschart, und so finden sich im Album-Lineup Musiker von HAGGARD, FEUERSCHWANZ, ERIC FISH, DEINE LAKAIEN, HASENSCHEISSE, STEPH, CULTUS FEROX, VASCA und MAX RAABEs PALASTORCHESTER wieder.
„Augenblick“ wurde in ein sehr ansprechendes, edles Digibook mit 28-seitigem Booklet inklusive Linernotes und Credits sowie Gitarrentabulaturen und -griffe gewandet, doch letztendlich zählt der musikalische Inhalt. Auf dem zwölf Songs starken Album herrscht im Gegensatz zum eingangs genannten, mit Martin Spieß gegründeten Comedy-Folk-Versuch eher melancholisch-lockere Kost. Hier und dort steuern die Gastmusiker Geigen, Gesang, Cello und Nyckelharpa bei, doch der Fokus ist natürlich auf Vokalist VOGELSANG selbst gerichtet, der mit Akustikgitarre bewaffnet simpel gestrickte, mittelalterlich und folkig angehauchte Singer/Songwriter-Kost feilbietet. Und die ist ein ganzes Stück erträglicher als das konstruierte Gekasper seiner ach so unverstandenen Hauptband.
Musikalisch wird Variabilität deutlich größer geschrieben, denn neben 6/8-Schunkelnummern gibt es auch flottere Liedchen zu hören („Langeweile“), bei „Irgendwann“ dominiert gar der Offbeat, Balladeskes folgt auf Lebendiges, und würde man „Vergöttert & Verdammt“ mit verzerrten Gitarren und mit Schlagzeug darbieten, wäre das Ding beinahe lupenreiner Punkrock.
Rein instrumental kann man dem Meister und seinen eingeladenen Mitmusikern nichts vorwerfen, doch zwei große Mankos sind neben der manchmal ein wenig zu geschauspielert wirkenden Vortragsweise schnell ausgemacht. Einerseits ist die Stimme des Barden hinsichtlich des Spektrums doch recht limitiert, und auch technisch trifft der gute Mann nicht immer die richtige Frequenz, andererseits strotzen die inhaltlich gar nicht mal üblen Texte nur so vor Trivialität, dass man scharf einatmen und langsam aber schnaubend wieder ausatmen muss. Die Krönung allen Übels ist leider die Art und Weise, wie die Reime beinahe lieblos zusammengeschustert wurden. So, als hätte man das nächstbeste ähnlich klingende Wort der Einfachheit halber gewählt.
Beispiele gefällig? Schweben/erleben, verstehen/gehen, fliegen/siegen, fort/Ort, passt/hasst, Gott/Schafott, Stil/Spiel, Sachen/Lachen, Brüste/Gelüste, beglücken/verzücken oder aber Mut/Wut - wollte man die Hörer nicht überfordern? Wollte man die Texte schnell fertig gestellt haben? Sicherlich ist das höchst spekulativ, doch man kommt sich häufig so vor, als wohne man einer Neuauflage der 90er-Fernsehsendung „Familienduell“ bei, in welcher Werner Schulze-Erdel eine Reim-Sondersendung moderiert: „Nennen Sie ein Wort, das sich auf ... reimt!", und jedes Mal lieferten Vogelsang, Scholz oder Schramm, so die Namen der drei Albumtexter, die Top-Antworten.
FAZIT: „Augenblick“ tut nicht weh, befindet sich sowohl fernab des Dilettantismus als auch der Überkompetenz, schwimmt irgendwo im nanorelevanten Mittelfeld vor sich daher und wird wohl eher etwas für die absoluten Hardcorefans sein, die nun wohl wieder Sturm laufen werden. Den Rest wird es kaum scheren.
Punkte: 6/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 07.09.2012
André „Gigi“ Giese
Sören Vogelsang, Stephanie Wendler, Su Ehlers
Sören 'Der Barde Ranarion' Vogelsang, Rainer Fox, André „Gigi“ Giese
B. Deutung (Cello), Johanna von der Vögelweide, Soheil Boroumad (Geige), Barbara Petzold (Nyckelharpa), Stefan Schramm, Tim Scholz (Texte)
Eigenoroduktion
55:58
09.12.2011