Der Seelenflug hat längst an Höhe verloren. Mindestens seit „Conquer“, eher sogar seit „Dark Ages“, streift er nur noch Millimeter am krustigen Erdboden entlang und kennt den Weitblick auf die Weltkugel nur noch aus Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Im Vorbeirasen werden ein paar Blumenblüten und andere Schönheiten der Erde gescannt, die aus dem Staub und Dreck ragen, jedoch nur als Skizzen wiedergegeben – ihr Wesen als Ganzes wird von Riffs übertüncht, die wie todbringende Schockwellen durch die Canyons jagen.
In diesem Zusammenhang noch „Let your soul fly“ zu propagieren, käme fast schon beißender Ironie gleich. Obwohl inzwischen CAVALERA CONSPIRACY initiiert wurde, das weitläufig als Aggressionsventil und Ergänzung zu SOULFLY verstanden wird, wühlt Max Cavalera auch mit seiner Hauptband zunehmend den Dreck auf – was beinahe den Schluss nahe legt, er könne gar nichts anderes mehr als die Grundlagen.
Sicher, im Fall von „Enslaved“ rechtfertigt er die trockene Härte der neuen Dekade mit dem Thema „Sklaverei“. Stahl, Schweiß und die Beschneidung des menschlichen Verlangens nach Freiheit gelangt da auf die Agenda. Ein Thema, das man durchaus auch als eskapistischen Flug in die Freiheit hätte interpretieren können, wird hier einmal mehr als negativ konnotierter Gedankenkomplex präsentiert, nur weil es eben nahe liegt. Nach Cavaleras eingeengtem Verständnis kann Sklaverei wohl nur mit einem Mittel ausgedrückt werden: Riffs, Riffs und wieder Riffs.
Also stellt er sich hin und feuert – wenig überraschend - wie ein „Hobo With A Shotgun“ aus allen Rohren, nur mit einer Gitarre anstatt einer Schrotflinte sowie seinem statischen, abwechslungsarmen Gebrüll. Es thrasht, groovt, grunzt und poltert ohne Ende, und wenn sich doch mal weltmusikalische Elemente wie ein Berimbau oder eine Violine einschleichen, klingt das meist wie aus Versehen ausgerupft und im Sog mitgeschliffen. Das traditionelle „Soulfly“-Instrumental ist sogar erstmals aus der Tracklist gefallen und findet sich nur noch auf der (als Promo nicht verfügbaren und damit hier nicht besprochenen) Limited Edition als Bonus Track wieder. Angesichts der abfallenden Qualität dieser Dreingaben auf den letzten Alben ein vielleicht nicht einmal mehr sonderlich großer Verlust.
Der weltoffene, volksnahe Blick auf die Erde vom Mutterboden Brasilien aus will offenbar eher über die Texte verstanden werden: So drehen sich die Songs nicht um einen Präzedenzfall der Sklaverei, sondern umreißen praktisch die gesamte Weltgeschichte seit der Römerzeit. „World Scum“ fungiert dabei als Herzstück, in dem sämtliche Tyrannen der Erde unter einen Hut gebracht werden. Anstatt von Tribals, Flöten und Folklore gibt es also Geschichten von 1001 Aggressoren.
Das mag man als konsequent bezeichnen, zumal das Material musikalisch gesehen – vermutlich eher zufällig als gekonnt – eine Art von Nihilismus heraufbeschwört, die bei SOULFLY in der Art bislang ungekannt war. Denkt man jedoch daran, was SOULFLY sein könnte und müsste, wird die Banalität deutlich, mit der das Konzept, das angeblich seit Jahren in Cavaleras Schädel spukt, umgesetzt wird. Wo man nämlich in den Anfangstagen noch dazu in der Lage war, das durch Thrash Metal verkörperte Urwüchsige der Welt mit dem durch Weltmusik transportierten Vielseitigen unabdinglich zu verknüpfen, lässt sich Cavalera durch den Wegfall der Farben von seinem eigenen Baby verspeisen – denn wie kann er der Seele die Freiheit gewähren (und das sollte doch sein Ziel sein), wenn er sie am Fliegen hindert?
FAZIT: Die Reduktion der weltmusikalischen Einflüsse und damit das Stutzen der eigenen Flügel nehmen weiter ihren Lauf. Wer in Genrekategorien denkt und mit der Rückkehr zu den SEPULTURA-Basics zufrieden ist, darf sich über einen weiteren konsequenten Schritt Richtung Thrash-Purismus freuen (aber auch nur, weil fähige Männer wie Marc Rizzo die Umsetzung bereichern). „Enslaved“ macht hier Nägel mit Köpfen, und zwar so konsequent, dass die wenigen exotischen Einsprengsel nur noch Alibifunktion einnehmen. Warum sie jetzt nicht gleich vollständig einstampfen? Ob man der tieferen Bedeutung des Bandnamens damit freilich einen Gefallen täte, sei mal dahingestellt. Geht man von dem Gedanken aus, dass SOULFLY mehr sein möchte als bloß eine Band, die CDs veröffentlicht, dann bewegt sich der Ikarus jedenfalls gerade mit Volldampf gen Sonnenoberfläche.
Punkte: 7/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 18.03.2012
Tony Campos
Max Cavalera (Lead), Tony Campos ("Plata O Plomo"), Dez Fafara ("Redemption Of Man By God"), Travis Ryan ("World Scum"), Richie Cavalera ("Revengeance"), Igor Cavalera Jr. ("Revengeance")
Max Cavalera, Marc Rizzo, Igor Cavalera Jr. ("Revengeance")
David Kinkade, Zyon Cavalera ("Revengeance")
Max Cavalera (Berimbau)
Roadrunner Records
53:33
09.03.2012