Mit ihrem kommerziell höchst erfolgreichen Mix aus Metalcore, modernem Hardrock und poppigem Mainstream Metal haben sich BULLET FOR MY VALENTINE eine große Fanbasis erspielt – auch wenn nach dem 2005er Debütalbum vieles nach Kalkül roch, die Ecken und Kanten immer mehr aus dem Sound der Waliser verschwanden.
Wer gehofft hatte, dass sich die Band um den charismatischen Sänger Matt Tuck auf „Temper Temper“ wieder zu einer ungezügelten, rohen und ungestümen Combo zurückentwickeln würde, der sieht sich getäuscht – und, mal ehrlich, wer will es dem Vierer verdenken, dass er die bislang so geschmeidig funktionierende Erfolgsformel nur in Nuancen verändert? Der Metalcore-Anteil ist auch auf Album Nummer vier allenfalls in homöopathischen Dosen vorhanden – was zweifelsfrei eine gute Sache ist, denn das Metalcore-Genre ist, wenn auch vielleicht kommerziell noch nicht, so aber doch künstlerisch tot, ausgepresst wie eine überreife Zitrone.
Stattdessen zocken die Bullet-Boys zeitgemäßen Hardrock und Metal, der gekonnt Matt Tucks einzigartige Stimme in den Vordergrund stellt, so immer wieder großartige Hymnen produziert. Zwischenzeitliche Gaspedal-aufs-Bodenblech-Auswüchse werden zumeist direkt mit dem Rausnehmen des Ganges gekontert, poppige Vocalarrangements schmeicheln dem Ohr – das mag man kalkulierend nennen, man mag dem Quartett auch das Verfassen von Reißbrett-Songs vorwerfen, doch wenn man sich von solchen albernen Neid„argumenten“ frei macht, dann hat man einfach nur seinen Spaß mit „Temper Temper“. Und das sowohl mit etwas rabiateren Nummern wie der ersten Single „Riot“ oder dem fantastischen Opener „Breaking Point“, als auch mit den getragenen Songs wie dem Breitwandopus „P.O.W.“ oder „Dead To The World“. Klar: Der Kuttenträger, der auf seiner bestickten Weste ausschließlich Patches von NWOBHM-, US-Metal- und deutschen Thrash-Bands der 80er hat, wird auch weiterhin verächtlich ausspucken, wenn es um BULLET FOR MY VALENTINE geht. Das hat er freilich immer schon getan, vermutlich, ohne auch nur einen Ton der Band zu kennen.
FAZIT: Einerseits melodischer, andererseits aber auch wieder mit mehr Biss, nochmals fetter im Sound und eine unglaublich hohe Hitquote – BULLET FOR MY VALENTINE haben lediglich kleinere Justierungen an ihrem Sound vorgenommen. Nur: Es waren genau die richtigen Stellschrauben, an denen sie gedreht haben. Im Vergleich zum Vorgänger „Fever“ klingt „Temper Temper“ reifer, erwachsener, ernsthafter – ohne dabei aber diesen naiven Charme mit den poppigen Melodien zu vernachlässigen, der BULLET FOR MY VALENTINE immer schon ausgezeichnet hat.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 12.02.2013
Jason James
Matt Tuck
Michael „Padge“ Paget, Matt Tuck
Michael „Moose“ Thomas
Sony Music
46:06
08.02.2013