Der Inzest greift wieder um sich: Norwegens musikalische Vordenker (Mitglieder von ELEPHANT9, SUPERSILENT, MOTORPSYCHO, BIG BANG) haben sich für eine Momentaufnahme ihres flüchtigen Kreativ-Zusammenschlusses getroffen, wobei Saxofonist Møster dem Kind mit seinen Kompositionen einen Namen gab ... tatsächlich auch seinem erstgeborenen Sohn, der eben Edvard Lygre heißt.
Allerdings lässt sich im Zusammenhang mit den vier Tracks weder von kindlicher Musik noch Kompositionen im strengen Sinn sprechen. "Plastic Disco" ist zunächst ein Sax-Drone mit subtilem Bass-Wummern, ehe Kapstad einen relaxten Beat anschlägt. Die Musiker verdichten ihr Spiel, sodass sich ein Groove herausschält, in dessen Rahmen haptische Melodien Mangelware bleiben. Møster intoniert flächig und arbeitet vermutlich mit einem Looper, da sich mehrere Tonschichten zu einem Bordun überlagern.
Mit "Ransom Bird" klingt das Quartett indes wie die rebellischen Avantgarde-Ensembles der Sechziger und Siebziger, angefangen bei Albert Ayler bis hin zu Don Cherry. Das harmonische Zusammenspiel zwischen dem Leader und seinem Organisten ist fantastisch, die Handschrift originell, aber auch immer wieder auf den jungen John Coltrane zurückzuführen, gleichzeitig da das Fieber des frühen Jazzrock nicht abflaut. Um die Sogwirkung ein wenig zu lindern, reichen die Musiker das kurze "Composition Task #1 ein", possierlichen Minimalismus am Rande des Materialhaften.
Das längste, einmal mehr improvisatorische Stück heben sich Møster und Co. bis zum Schluss auf: "The Boat" imitiert zunächst vor hibbeligem Schlagzeugspiel ein Nebelhorn, konterkariert dann kratizige Töne mit warmen Fender-Rhodes-Akkorden, sexy Wah-Bass sowie Saxofon-Einwürfen, die geradezu nach Maschinengewehrsalven klingen. Mit einer solchen Gewichtung auf phonstarke Augenblicke ist "Edvard Lygre Møster" im wahrsten Sinn des Wortes ein Album, das den Jazz das abzappeln lehrt.
FAZIT: Wer nur auf Handzahme Kaffeehaus-Klänge steht, sollte sich vor dem Genuss von "Edvard Lygre Møster" auf etwas gefasst machen. Kjetil Møster und seine Mitstreiter wandeln zwischen Jam und konkreter Motivik auf den Pfaden von Miles Davis zu seiner Sturm-und-Drang-Zeit und klingen dennoch immerzu nach ihnen selbst - wie widerborstige Norweger eben.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 12.04.2013
Nikolai Eilertsen
Ståle Storløkken
Kenneth Kapstad
Kjetil Møster (Saxofon)
Hubro
46:33
15.03.2013