Konzerte von RUSH waren und sind Großereignisse in jeder Hinsicht und stehen sinnbildlich für musikalische Perfektion, bei welcher die Emotion nicht zu kurz kommt. Dass das Trio wie die METALLICAs und IRON MAIDENs dieser Welt heuer ständig mit Live-Nachbearbeitungen auf allen erdenklichen Tonträger und Video-Formaten aufwartet, ist angesichts seines Standes als Rock-Gigant berechtigt, auch wenn es in Deutschland in diesem Leben keinen Superstar-Status mehr erreichen wird.
Braucht man den neuen Konzertfilm der Combo zwingend, wenn man kein Die-Hard-Fan ist? Natürlich nicht, außer man möchte sehen, wie gut Entertainment und spielerische wie kompositorische Klasse miteinander einhergehen können. Davon abgesehen ergötzt man sich auf "Clockwork Angels Tour" als Kenner an Neuerungen (naheliegenderweise im Bühnenbild im Vergleich zu "Rush In Rio" oder "R30"), während Unbedarfte ob der makellosen Klangarchitektur der Gruppe sowieso aus dem Staunen nicht herauskommen: Die thematisch von Kevin J. Andersons gleichnamigem, fabelhaftem Buch flankierten Stücke von RUSHs jüngstem Studioalbum werden mit dem Clockwork Angels String Ensemble dargeboten und folglich umarrangiert, gleichzeitig da der Rest des Set neben unvermeidbaren Klassikern aus erstaunlich viel Eighties-Stoff besteht.
Dies wiederum entspricht der aktuellen Klangästhetik der sich immer noch stetig wandelnden Gruppe: Nach bewusster Reduktion ("Test For Echo" und "Vapor Trails") hat erneut eine verhältnismäßige Klangopulenz Einzug gehalten, welche jedoch im Gegensatz zu den achtziger Jahren mit viel mehr Entspannung einhergeht - moderner Bühnentechnik sei's wohl gedankt. Zu den Stimmungshöhepunkten der Mega-Show zählen anders als bei so vielen Kapellen die Solo-Spots (Peart: der wohl musikalischste aller Rock-Trommler), ferner das berührende "The Analog Kid" und der bereits zeitlose Bolide "Far Cry", "Dream Line", "Red Sector A" (immer wieder packend) und natürlich "2112", auch wenn RUSH ihr Visitenkarten-Epos einfach nicht so magisch auf die Bretter zaubern können, wie es auf dem Album klingt ... doch das ist angesichts dieser Vollbedienung - genau, Jammern auf hohem Niveau.
FAZIT: Bei RUSH weiß man, was man erhält: state of the-art in allen Belangen, und "Clockwork Angels Tour" legt nicht nur davon Zeugnis ab, sondern zeigt außerdem eine Band, die sich trotz nicht mehr grenzsprengender Veröffentlichungen immer noch wandelt und vor allem diebisch freut, wenn sie gemeinsam Musik macht. Bei wie vielen Rock-Großveranstaltungen hat man denn sonst noch das Gefühl, es nicht mit geschäftlichen Zweckgemeinschaften zu tun zu haben? Eben.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 23.11.2013
Geddy Lee
Geddy Lee
Alex Lifeson
Neal Peart
Universal
ca. 150 Minuten
15.11.2013