Welche Erwartungen hat man eigentlich noch an einen Musiker, der im regelmäßigen, fast akribisch organisierten Abstand jeweils zu Jahresanfang ein Album veröffentlicht?
Überfällt einen da nicht irgendwann Routine?
Schraubt man seine Erwartungen herab?
Oder erwartet man etwas zu hören, das zuvor auf einem der vorangegangenen 12 Alben ganz ähnlich klang?
Fragen, die mich auch beim Hören von „Stardust Memories“ in gewisser Weise quälen – und auf die ALFRED MUELLER als SONIQ THEATER-Ein-Mann-Projekt seine ganz eigene musikalische Antwort gibt, die lautet:
„Ja, ich klinge ganz ähnlich, wie auf den Vorgänger-Alben. Aber ich kann durchaus auch anders, aber nicht unbedingt besser, klingen!“
„Ja, ich klinge größtenteils noch immer so gut wie zuvor – irgendwo zwischen EDGAR FROESE, ELP, RICK WAKEMAN und melodischem Electronic-Pop, der vom Pop-Corn-Song „Hot Butter“ bis zu JEAN MICHEL JARRE reicht. Und das alles nur mit Keys und Drum-Computern eingespielt!“
„Ja, bei mir passiert nicht mehr so viel, dass es wirklich die symphonisch-progressive Elektronik-Welt aus den Angeln hebt. Aber auch nicht so wenig, dass man des Hörens müde wird oder sich genervt abwendet.“
Doch es gibt auch einige Veränderungen, über die es zu berichten lohnt.
ALFRED MUELLER hat diesmal, getreu dem Motto „Aller guten Dinge sind drei!“, tief in seiner musikhistorischen Mottenkiste gewühlt und mit „Globular Cluster M55“ (1986), „Infinity“ (1987) sowie „Break The Frame“ (1997) drei längst verstaubte Musik-Kleinode gehoben, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, diese zu entstauben. Eine gute Idee!
„Globular Cluster M55“ ist herrlicher Krautrock der Marke CLUSTER (Welch Wunder, nicht wahr?) bzw. ENO, MOEBIUS & ROEDELIUS geworden und mit seinen 27 Jahren auf dem Buckel zugleich für mich der Höhepunkt von „Stardust Memories“. Vielleicht weil mich alter Electronic-Nostalgiker einfach die analoge Aufnahme, eingespielt mit einem Yamaha CS50-Synthesizer, so begeistert. Gleiches gilt für „Infinity“, in dem ein Yamaha DX7 zum Einsatz kommt. Aber auch wenn JENS KLENK auf „Break The Frame“ zur Gitarre greift und Gesang mehr oder weniger diesen Titel veredelt, dann hat das etwas Besonderes und sofort werden Erinnerungen an RACHEL'S BIRTHDAY, der progressiven Rock-Band, die Mueller noch vor Soniq-Theater-Zeiten anführte, wach.
Die beiden „Alien ...“-Titel dagegen tragen eine gehörige Portion „Jean Michel Jarre auf China-Reise“ in sich. Andere Songs wiederum wirken extrem gekünstelt und wenig ansprechend. „Some Things Never Change“ klingt beispielsweise ganz ähnlich wie das dem Album seinen Namen verleihende „Stardust Memories“ nach diesem elektronischen 80er-Jahre-Hitkäse, wie ihn SKY in Unmengen verzapfte. Überhaupt ist auf Album Nummer 13 der progressiv-symphonische Aspekt deutlich hinter den eingängigeren Electro-Pop-Rock zurückgetreten, wie wir ihn auch von dem mir persönlich nur sehr wenig bedeutenden Olympia-Album RICK WAKEMANs „White Rock“ kennen, das mit einer gehörigen Portion Keyboard-Kitsch die „Olympischen Winterspiele in Innsbruck“ aufpeppen sollte.
Und so wird am Ende der Proggie ziemlich enttäuscht diese CD, die ALFRED MUELLER natürlich wie immer komplett im Alleingang komponiert, eingespielt, produziert, gemixt und aufgenommen hat, abhaken und auf „Pandromania“ (2005) oder „Enchanted“ (2006) zurückgreifen, während die Freunde der elektronischen 80er-Jahre-Scheiben von Monsieur JARRE, der zu diesem Zeitpunkt im siebten SKY angekommen war, ihre helle Freude an dieser 2013er-Ausgabe haben werden. Alles eben eine reine Frage der Perspektive, auch wenn sich meine persönliche Perspektive doch mehr in Richtung „Pandromania“ bewegt.
FAZIT: Am Ende sind viele Erinnerungen nur noch Sternenstaub – das gilt auch für die Musik von SONIQ THEATER, die neben uralten Erinnerungsstücken als Kraut ins Musikfeld schießt, aber leider auch mit Synthie-Pop so einiges Unkraut zutage fördert.
Punkte: 9/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 25.02.2013
Alfred Mueller
Jens Klenk
Alfred Mueller
Eigenvertrieb (als CD und kostenloser Download)
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04.01.2013