Die Kopfwelten von „Cognitive“ werden verlassen, jetzt geht es um das Sensorische, den Griff in die Erde mit der bloßen Hand. Mit „Tellurian“ beweisen SOEN, dass die zwar unumgänglichen, in ihrer Häufung aber irgendwann penetranten TOOL-Vergleiche auch der thematischen Ausrichtung des Debüts geschuldet waren. Immerhin befassen sich auch Keenan & Co. vornehmlich mit geistigen Entitäten, was in beiden Fällen zu einem gespenstischen, abstrakten Soundgewand mit ähnlichem Klang führte.
Zwar bedienen SOEN immer noch so manches „Tool“ in vertrauter Weise. Alleine Joel Ekelöfs nasale Vocals leiten das ein oder andere „Kéenàn-Vu“ in die Synapsen, dazu webt Martin Lopez am Schlagzeug so manch verdächtiges Tribal-Muster, und wenn das Picking nach rund 50 Sekunden „Pluton“ nicht TOOL in allen Fingerspitzen hat, möge man mir einen Werkzeugkoffer über den Kopf ziehen.
Die Emanzipation jedenfalls, sofern sie nötig war, ist vollbracht. „Tellurian“ zeichnet sich – trotz Beibehaltung einiger Trademarks des Vorgängers - durch eine Verschiebung der Ansätze aus und bietet anstatt einer einfachen Stilverfeinerung gleich eine deutlich spürbare Weiterentwicklung. Es ist dicht und schwer wie ein Lehmboden, wo „Cognitive“ hohl und verschachtelt war wie das Innere eines Kirchturms, der durch Bleiglasfenster in schillernde Lichtmosaike getaucht wird. Der konstante Hall in der Stimme Ekelöfs, wie sie mit ihrem pastoralen Einschlag Melancholie verströmt, verleiht nicht mehr länger Flügel, sondern wirkt sich gegenteilig aus wie ein schweres Gewand, das sich mit fallendem Regen aufsaugt. Hin und wieder lüftet sich der sandige Sturm aus schweren Gitarren und macht Platz für einen zarten Moment des Wimmerns, wie er noch am ehesten an das Debüt erinnert, etwa im A-Capella-Ausklang von Kuraman oder im mit Streichern untermalten Ende von „The Words“, das so auch auf einer der letzten KATATONIA-Platten stehen könnte. Insgesamt zeigt sich „Tellurian“ aber auf seltsam tröstliche Art heavy, undurchdringlich, mitunter auch von unberechenbaren Tempowechseln geprägt. Es bietet kaum Angriffsfläche, allerdings auch ebenso wenig Möglichkeiten, sich einen Zugang zu erarbeiten. So dauert es lange, bis sich die Schlüssigkeit des Albums offenbart.
Erst die beiden Longtracks am Ende üben sich in einem klar ersichtlichen Aufbau. „The Void“ reitet im Riff-Galopp voran und fasst die sich durchs gesamte Album ziehenden Math-Synkopen, die ungewöhnlicherweise mit dem unsauberen, schweren Sound des Grunge geführt werden, zusammen, bevor es in einem lichten Bass- und Percussion-Bad abklingt; auf „The Other’s Fall“ gelingt die beste Dramaturgie, wiederum angetrieben durch Lopez’ äußerst lebendiges und dabei vordergründiges Drumming.
FAZIT: „Tellurian“ ist im Gesamten nicht schön, eher liegt es wegen seiner Grundstimmung und trotz manch leichtfüßiger Passage wie Blei im Magen. Aber SOEN gewinnen mit ihrem zweiten Album ihre Eigenständigkeit, nichts anderem folgend als ihrem eigenen Konzept. Kein zweites „Cognitive“, kein x-tes TOOL… selbst wenn eine Restsperrigkeit übrig bleibt – das ist etwas Gutes.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 02.11.2014
Stefan Stenberg
Joel Ekelöw
Joakim Platbarzdis
Martin Lopez
Spinefarm Records
52:46
03.11.2014