Vielleicht war "Superunknown" seinerzeit der Anfang von SOUNDGARDENs erstem Ende, aber davon losgelöst steht die Scheibe auch ungeachtet ihres kommerziellen Erfolges (neun Millionen weltweit abgesetzt, fünffache Platinauszeichnung) heute so gut wie damals da, wenn es um schweren Rock ohne Machismo ("Jesus Christ Pose" und so) geht, den man weiterhin unbeholfen Alternative oder gar Grunge nennen darf, am besten aber als schlichtweg zeitlos bezeichnet.
Ob man nun das polternde Titelstück oder das bedächtige "Fell On Black Days" heranzieht: "Superunknown" klingt innerhalb des weiten Spannungsfeldes, das die Scheibe abdeckt, wie aus einem Guss und trotz Major-Ehren keineswegs überproduziert oder zu ausgefeilt, was allein schon der unverkennbar kantige Stil von Kim Thayil ausschließt. Bleierner Stoner Blues wie "Mailman", "4th Of July", "Limo Wreck" und "Head Down" dominiert die Stimmung, aber da ist noch mehr, etwa das hypnotische "Fresh Tendrils" und der kurze Punker "Kickstand". Das power-poppige "My Wave", das episch psychedelische "Like Suicide" und der sonnige, nicht in den Staaten veröffentlichte Bonustrack "She Likes Surprises" sind vor diesem Hintergrund regelrechte Ausreißer, aber wie gesagt: nichts wirkt auf "Superunknown" wie Ballast - auch nicht das von vornherein zwiespältig aufgenommene "Black Hole Sun", das zum Signaturstück der Band wurde, obwohl sie es gar nicht wollte, und der zweite Konsens-Kracher "Spoonman".
Unter den klanglich unterbelichteten Demos auf der zweiten CD sind die Rohbauten von "Black Hole Sun" und "Limo Wreck" besonders interessant zu hören, wobei sich einmal mehr bestätigt, dass ein findiger Produzent eine Menge ausmacht und selbst eine starke Band wie diese nur mit Wasser kocht. "Black Days III" als Urfassung von "Fell On Black Days" klingt ebenfalls spannend wie aufschlussreich, und B-Seiten wie das zackige "Birth Ritual" und "Kyle Petty, Son Of Richard" hätten andere Kaliber im Hauptteil verbraten. Die Klangexperimente "Exit Stonehenge" und "Jerry Garcia's Finger" hingegen gemahnen an die alten, unbequemen SOUNDGARDEN, denen die Musiker bei allen Mainstream-Ehren eigentlich nie endgültig abgeschworen haben. Den grenzwertigen Remixes im Bonusteil steht die ungleich hübschere Akustik-Version von "Like Suicide" gegenüber, und "The Day I Tried To Live" in alternativer Abmischung knallt wie nichts Gutes - wertvolle Angelegenheit, das Ganze, selbst wenn man die Urversion schon besitzt.
FAZIT: Wer es ganz dreckig braucht, besorgt sich die Geburtstags-Version von "Superunknown" in der Variante mit fünf (!) CDs. Dieser Doppeldecker bringt das Wesentliche mit einem geringen Mehrwert auf einen Nenner und drängt sich Unbedarften auf, die eine Geschichtsstunde zum Thema "Die 1990er waren NICHT scheiße" brauchen.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 16.06.2014
Ben Shepherd
Chris Cornell
Kim Thayil, Chris Cornell
Matt Cameron
Universal
73:41 + 74:50
30.05.2014