Zwischen ihren regulären Alben veröffentlichen BIG BIG TRAIN gerne die eine oder andere EP. Im Anschluss an „The Underfall Yard“ deutete sich mit „Far Skies Deep Time“ die leichte Richtungsänderung und positive Entwicklung zum „English Electric“-Doppel an. Wobei „Far Skies…“ mit einundvierzig Minuten bereits Langspiel-Quantität besitzt. "Make Some Noise" beinhaltete später jene vier Tracks, die auf "English Electric: Full Power" zusätzlich zu den Einzelausgaben enthalten waren. So mussten Besitzer der ursprünglich getrennten vollen Kräfte nicht in die komplette Doppelausgabe investieren.
Jetzt also fünfundzwanzig Minuten ‚Wassailing‘, was sich in diesem Fall (es existieren noch andere Bedeutungen) auf das Zuprosten, Trinken, Singen und Feiern zur Apfelwein-Herstellung in West-England bezieht (zurückgehend auf den angelsächsichen WAES þu hael-Toast, der in etwa "sei bei guter Gesundheit" meint). Der Kern ist aber immer: Beim Wassailing geht die Lucy ab. Und genau daran halten sich BIG BIG TRAIN mit dem titelgebenden Opener.
Nach jethrotullig-folkigem Einstieg wird ordentlich rockend Gas gegeben, mit einem gut aufgelegten Nick D'Virgilio am Schlagzeug und vitalen Orgeleinschüben, ist „Wassail“ eine Art progressive Partyhymne. Ohne Plattheiten setzt die Band den auf „English Electric: Full Power“ eingeschlagenen Pfad gekonnt fort. Die folgenden beiden neuen Songs sind etwas gemessener, ohne hyperkomplex oder bleischwer im musikalischen Treibsand zu versinken. Das ausgefeilte „Lost Rivers Of London“, mit Rachel Halls feiner Geige, ist dramatischer Folk-Prog; das bis auf wenige gesungene Zeilen instrumentale „Mudlarks“ ist etwas melancholischer, wird eingeleitet von Piano und Orgel. Letztere dominiert den weiteren Verlauf. Die Violine darf wieder starke Akzente setzen, die Gitarre ebenfalls, doch seltener.
„Master James Of St George“, ursprünglich auf „The Underfall Yard“ zu finden, erlebt eine Live-Aufnahme in den Real World-Studios, weswegen der Sound nicht nach öffentlicher Performance klingt. Die Interpretation ist präzise, sauber und etwas druckvoller als im Original. Steht dem Stück gut.
FAZIT: „Wassail“ ist eine lichte, verspielte und dynamische Angelegenheit, die einmal mehr belegt, dass sich BIG BIG TRAIN aus der zweiten Reihe ziemlich weit nach vorn gespielt haben. Macht Lust, die letzten Alben wieder hervorzukramen und frohgestimmt auf das zu warten, was als Nächstes kommen mag. Ein bissschen darüber verrät <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BdSZCvS-qQg" rel="nofollow">DIESER </a> "Wassail"-Promo-Teaser.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 27.07.2015
Greg Spawton
David Longdon, Rachel Hall, Nick D'Virgilio, Danny Manners, Andy Poole, Rikard Sjöblöm
Dave Gregory, Rikard Sjöblöm
Danny Manners, Andy Poole
Nick D'Virgilio
Rachel Hall (violin, viola, cello), David Longdon (flute, mandolin, percussion), Andy Poole (mandolin)
English Electric Recordings
25:19
05.06.2015