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Spock's Beard: The Oblivion Particle

Stil: Melodischer Rock und Retro-Prog

Cover: Spock's Beard: The Oblivion Particle

Mit SPOCK‘S BEARD ist es wie mit einer alten, längst vergangenen Liebe. Anfangs hat man sich leidenschaftlich vergöttert, dann ließ die Leidenschaft, aber noch nicht die Liebe nach, bis dann der Knackpunkt kam, an dem man sich trennte, weil selbst von dem Feuer, das einstmals zwischen den Verliebten brannte, nur noch ein Häuflein Asche übrig blieb.

Früher habe ich aufgeregt jeder Neuveröffentlichung von SPOCK‘S BEARD entgegengefiebert, doch heute fehlt mir sogar schon ein wenig die Neugier auf das neuste musikalische Bart-Haarwuchsmittel, von dessen ehemals stolzen Vollbart höchstens noch ein kleines Oberlippenbärtchen übrig blieb. NEAL MORSE war dabei im Grunde der Musik-Barbier, der nach seinem gottgewollten Abgang den Bart so sehr stutzte, dass nicht mehr all zu viel davon übrig blieb und was der verbleibende Musiker-Rest, bei dem noch immer der Keyboarder RYO OKUMOTO deutlich heraussticht, aus diesem übriggebliebenen musikalischen Gesichtshaar macht, ist höchstens noch ein flauschiges Etwas, das im Falle von „The Oblivion Particle“ ein seichter, melodic-geschwängerter Flaum ist, den man kaum noch spürt oder der geschweige denn noch stachelt.
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Dabei ist der Einstieg in „The Oblivion Particle“ mit „Tides Of Time“ noch eine echte Überraschung, weil hier wirklich viele Zutaten der Morse-Ära zum Tragen kommen, obwohl sie auch hier schon ein wenig angestaubt wirken. TED LEONARD versucht etwas nach PHIL COLLINS zu klingen und die Instrumente tummeln sich gitarrenakustisch bei YES und keyboardbombastisch bei GENESIS sowie im Großen und Ganzen bei ENCHANT herum. Übrigens ist das wohl auch das große Problem, seitdem sich TED LEONARD, dessen Gesang nicht in wirklich allen Bereichen des Albums zu überzeugen weiß, so intensiv bei SPOCK‘S BEARD einbringt.

Die Bärte klingen eigentlich mehr nach ENCHANT und solchen Alben wie „Tug Of War“ oder „Blink Of An Eye“, als es ihnen lieb sein sollte. Wären da nicht die vielen gelungenen akustischen Momente, wie das klassische Klavierspiel auf „Minion“ oder „The Center Line“, es gäbe nicht viele Unterschiede zwischen der Band des ehemaligen gottbeseelten LEONARD und der Band des einstmals gottverlassenen MORSE.
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Der Melodic- und AOR-Rock der ENCHANT-Marke schnippelt nun am Barte des Spocks herum. „Hell‘s Not Enough“ und „Bennett Built A Time Machine“ (inklusive melodiösem JON-&-VANGELIS- sowie PF-“Dogs“-Klau) warten sogar mit wippenden, dem Schunkeln nahen Melodien auf, die kurz weggerockt und dann wieder herbeigeschmeichelt werden.
Im Gegensatz dazu bedient „A Better Way To Fly“ mit viel Bombast und härteren Gitarren wieder ein paar Erinnerungen an längst vergangene SB-Zeiten, wobei aber leider das Schlagzeug deutlich zu dünn aus den Boxen scheppert, sodass der gesamte Song irgendwie steril wirkt. Doch nach diesem etwas seltsam abgemischten Song lauert dann das absolute Highlight des „vergessenen Teilchens“ auf uns: „The Center Line“ - klassisches Klavier trifft auf elektronische Spielereien sowie einen YES-Bass samt treibendem Gesang und zum Ende hin sogar auf diese progressive Verspieltheit, welche noch den ersten drei SB-Alben der 90er Jahre innewohnte. Dummerweise lullt einen der folgende Longtrack „To Be Free Again“ und das abschließende „Disappear“ dann doch wieder nur in Altbekanntem, samt hymnischen und GENTLE GIANT-Satzgesängen, ein. Schöne Melodien und weinende Gitarren inklusive.
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„The Oblivion Particle“ wirft die Frage auf, wo SPOCK‘S BEARD hinwollen?
Zurück zu den alten Zeiten oder doch an neue Ufer?
Und es scheint so, als wären sich die fünf Musiker bei der Antwort auf diese Frage nicht ganz einig.
Neue Ufer wären besser als ein vergessener Partikel, aus dem Hause ENCHANT oder SPOCK‘S BEARD, dem man versucht neues Leben einzuhauchen, obwohl er längst gestorben ist.

Die Botschaft hinter einem der stärksten SPOCK‘S BEARD-Alben „The Kindness Of Strangers“ (1998) gewinnt für mich jedenfalls immer mehr an Bedeutung, denn es scheint so, dass die Bärte und ich, der ehemalige Fan, sich in den vielen Jahren, die 1993 mit einer heißblütig-großohrigen Leidenschaft begann, gehörig entfremdet haben. Melodischen Rock mochte ich bisher auch nicht sonderlich - und von SPOCK‘S BEARD erst recht nicht. Meine Leidenschaft war längst verschwunden, aber auch die Liebe verabschiedet sich - und wenn ich dann im „Eclipsed“ lese: „Toller Progressive Rock mit Freude und Tiefgang. Und vermisste irgendjemand NEAL MORSE? Nein, diesmal nicht.“, dann glaube ich fast ein anderes Album gehört zu haben, das mich zwar am Ende noch befriedigt, aber keinesfalls wirklich begeistert.
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FAZIT: Unerwartetes?
Nicht die Bohne!
Neues?
Nicht in Sicht!
Experimentelles?
Bloß nicht!
Härte?
Durchaus - aber immer schön glattgebügelt und im harmonischen oder bombastischen Miteinander der Instrumente!
Progressives?
Ja - ziemlich retro, aber keinesfalls im Sinne des Begriffs „Fortschrittlich“!
Melodien?
Wow - jede Menge!
Fein gegelte und auf Hochglanz gebrachte Bärte, die ihr Handwerk sehr gut verstehen, denen aber zu sehr die progressiven Ideen ausgehen, stattdessen aber melodisch rockende Ideen einfallen.

Punkte: 8/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 09.09.2015

Tracklist

  1. Tides Of Time
  2. Minion
  3. Hell‘s Not Enough
  4. Bennett Built A Time Machine
  5. Get Out While You Can
  6. A Better Way To Fly
  7. The Center Line
  8. To Be Free Again
  9. Disappear

Besetzung

  • Bass

    Dave Meros

  • Gesang

    Ted Leonard

  • Gitarre

    Alan Morse, Ted Leonard

  • Keys

    Ryo Okumoto, Dave Meros

  • Schlagzeug

    Jimmy Keegan

Sonstiges

  • Label

    InsideOut Music

  • Spieldauer

    72:04

  • Erscheinungsdatum

    21.08.2015

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