Ein gefährliches FAZIT vorab:
Nachdem ich im Netz ein wenig nach dieser Doppel-CD bzw. DVD gegoogelt habe - obwohl meine Kritik längst fertig war - traue ich mich nach all den größtenteils euphorischen Kritiken kaum noch, meine Review hier zu veröffentlichen.
Ach, sei‘s drum. Wir haben ja zum Glück auch eine Kommentarzeile, in der man mir dann mitteilen kann, dass ich mal wieder von nichts, aber rein gar nichts und schon gar nicht von STATUS QUO Ahnung habe.
Feuer frei!
Huch, habe ich mich auf die falsche CD/DVD, das falsche Konzert verirrt?
Bevor die Musiker ihre, ein wenig nach kuscheliger Wohnstube anmutende, Bühne betreten, erklingt doch ganz deutlich so eine „Shine On You Crazy Diamond“-Hintergrundsmelodie. Hier gibt‘s doch nicht den zum Ritter geschlagenen Gilmour zu hören, dem der britische Königshof mit seinen Diamanten zuklappert - wie es einst die BEATLES verächtlich anprangerten - sondern STATUS QUO?
Und tatsächlich, die alten Herren von STATUS QUO, verstärkt durch ein paar junge Vollblutmusiker/innen, erobern mit fünf (!!!) akustischen Gitarren, Mountie, Klavier, Schlagbesen statt Drumstick, Schifferklavier und einem Kontrabass plus mehreren Streichern die Bühne und zeigen uns, wie man tatsächlich aus ehemaligem Rock der Marke STATUS QUO seinen alten Fans so eine Art Shanty-Musik mit Country-Feeling verkauft. Außerdem sorgt man dabei auch mit sein paar platten Sprüchen der Marke „You feel fine?“ für richtig gute Stimmung. Das massenhaft erschienene Publikum ist tatsächlich glattweg aus dem „Reihen“-Häuschen, statt vor Wut zu schäumen!
Na ja, nicht nur die Band ist alt und bieder geworden.
Wie‘s scheint auch ihre Fans!
Dann auch noch vor dem Zugaben-Teil „Rockin‘ All Over The World“ als Abschluss auszuwählen, haut einen um, denn genau das machen STATUS QUO nicht mehr!
Rock?
Wo bitte ist der auf diesem Konzert noch zu finden?
Folkige Schlager im akustischen Blues- und Boogie-Mäntelchen versteckt - das gibt‘s auf „Aquostic Live At The Roundhouse“ zu hören. Schunkelmusik zum Mitwippen und Spaßhaben. Sowas in der Art.
Nur wo bitte hat sich bei diesem Konzert der Rock versteckt?
Den müssen STATUS QUO irgendwo im Backstage-Bereich vergessen haben. Und zum Glück nimmt das Publikum auch die vielen gesanglichen Patzer nicht wahr, weil sie ja selber ganz intensiv mit dem Mitsingen beschäftigt sind.
Nach einer Konzertviertelstunde, während der man leidet, weil die alten Herren und ein paar junge Damen namens STATUS QUO live zur Schiffer-Klavier-Band wurden, legen die ehemaligen Rock-Gurus unerbittlich noch eins drauf und lassen sich von mehreren Streichern begleiten, damit auch endgültig der letzte Hoffnungsschimmer im Status-quo banaler Akustik-Musik verglimmt.
Mit „Rock‘n‘Roll“ beweist uns dann FRANCIS ROSSI auch noch, dass er und sogar seine zwar hübschen, aber nicht sonderlich begabten Background-Sängerinnen Schwierigkeiten haben, den einen oder anderen Ton zu treffen. Vielleicht sollte man sich seine Background-Sängerinnen doch besser nach der Stimme als nach dem Aussehen auswählen. Trauriger Höhepunkt in dem an stimmlichen Patzern reichen Konzert ist diesbezüglich übrigens der Song „Rain“.
Wenigstens verbreiten die Herren auf der Bühne gute Laune.
Als ich vor etwa 25 Jahren die Jungs live in Berlin erlebt habe - noch mit den „klassischen Hosenträgern“ - habe ich entweder eine gänzlich andere Band gesehen oder eine schwere Sinnestäuschung erlitten. Das musikalische, rockige Feuer jedenfalls spürt man auf „Aquostic Live At The Roundhouse“ nicht mehr.
STATUS QUO sind das beste Beispiel dafür geworden, was aus einer richtig guten Rock-Band werden kann, wenn sie ihren Zenit überschritten hat und als Altherren-Combo live nur noch eine Mixtur aus Boogie, Pop, lahmen Folk und Shanty-Schlager mit Schifferklavier zustande bekommt. Wenigstens der Bandname verkauft sich noch richtig gut - die Musik kann‘s wirklich nicht sein!
FAZIT: Mein Gott, bin ich froh, dass bei diesem Konzert nicht auch mein STATUS QUO-Lieblingstitel „In The Army Now“ verwurstet und verbraten wurde! Selbst die sehr gute Bild- und Tonqualität ändert nichts an der Tatsache, dass man wohl doch besser in seinen Erinnerungen an die Vergangenheit schwelgen sollte, anstatt sich diese altersschwache STATUS-QUO-Gegenwartserfahrung anzutun.
PS:
Am Ende noch ein paar nüchterne Fakten zu CDs und DVD bzw. BluRay.
Dieses Konzert gibt im Grunde das komplette „Aquostic - Stripped Bare“-Album, auf dem die beiden Ur-Quos nackt, ihr Gemächt nur mit einer Gitarre bedeckt, stehen, live wieder, ohne irgendwelche Besonderheiten oder größeren Abweichungen von der Stripped-CD. In England jedenfalls wurde die Scheibe bis zum Goldstatus hin abgefeiert, in Deutschland kam sie immerhin auf den Platz 13 der offiziellen Album-Charts.
Das Konzert wurde im Oktober 2014 im Londoner Roundhouse mitgeschnitten und war das erste (und hoffentlich auch letzte) reine Akustik-Konzert der Band, das im Netz über 1,3 Millionen Nutzer bewunderten. Vielleicht dachten sie ja auch, die Jungs treten nackt auf. Pustekuchen, sogar die Hosenträger fehlten.
Den Mitschnitt gibt‘s als Doppel-CD, DVD und BluRay zu erstehen, wobei auf DVD und BluRay als Bonus noch ein paar Hinter-den-Kulissen-Einblicke und ein kurzes Interview zu sehen sind.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 11.04.2015
John Edwards
Francis Rossi, Rick Parfitt, Andy Brown, John Edwards
Francis Rossi, Rick Parfitt, Andy Brown
Andy Brown
Leon Cave
earMUSIC
86:17 (CDs) / ca. 100 Min. (DVD bzw. BluRay)
10.04.2015