Lange Songs, tiefe Growls, quasi-schwedische (lies: angenehm warme) Produktion, britische Melancholie, abschließende Klangpolitur von Dan Swanö – noch Fragen? Vielleicht vorweg noch so viel: Wenn hier gemäkelt wird, dann auf hohem Niveau. Steorrah malen ihren dunklen Metal nach wie vor nur mit Ölfarben, und sie nehmen sich Zeit für die Details. Wer "Thin White Paint" bei einem hastigen Rundgang in der Hoffnung auf originelle Zwischentöne abklopft, hat den Eintritt ins Museum zum Fenster rausgeschmissen. Wer sich allerdings die Zeit nimmt, um im Ohrensessel gemütlich die Pfeife zu stopfen und durch den Qualm die Galerie zu studieren, der wird mit einer stimmungsvollen Darbietung belohnt.
STEORRAH lassen sich nicht nur zwischen den Alben Zeit, sondern nehmen sich diese auch für ihre liebevoll arrangierten Kompositionen. Selbige erweisen sich gleich beim ersten Hören trotz allerhand Ecken und Kanten als überraschend gefällig, jedoch ohne sich dem Hörer aufdringlich anzudienen. Vielmehr stimmt bei Songaufbau, Dramaturgie und Darbietung fast alles: Vor allem die Melodieführung ist große Klasse, provoziert immer wieder Vorahnungen, wohin es gehen könnte, und schlängelt sich letztlich zwischen Erwartungen und Abwegen hin und her. Neben wahrlich dunklen Grunts schmeichelt der klare Gesang jenseits aller Grenzen zum Kitsch und lädt zum genauen Hören ein, denn die Texte von Andreas März beinhalten genügend Bilder, welche die Vorstellungskraft zu eigenen inneren Gemälden anfeuern.
Dass es sich bei dem Trio um Vollblut-Musiker handelt, steht spätestens mit "Thin White Paint" außer Frage, denn jedes noch so kleine Detail sitzt und trägt zum Hörvergnügen bei. Genau hier setzt folgerichtig die einzige Kritik an: Auf Albumlänge mangelt es an ein wenig an Wumms. Spätestens bei "Misericordia / The Great Gig In Disguise" wünscht man den Jungs, dass sie zum großen Finale mal das Tempo richtig anziehen und es vehement krachen lassen. Die ebenfalls von Dan Swanö unterstützen Night In Gales haben in dieser Hinsicht vor ein paar Jahren mit „Five Scars“ ein kleines Meisterwerk abgeliefert, und wenn es STEORRAH auf Platte noch an etwas mangelt, dann an Kick-Ass-Faktor. Wie bereits geschrieben, ist das Kritik auf hohem Niveau, denn für sich genommen ist jeder Song auf "Thin White Paint" kaum weniger als prächtig arrangiert und interpretiert, und dürfte manch stillem Gewässer die Freudentränen in die Äuglein treiben: Im Blackwater Park gibt es noch Leben. Es spricht nicht gerade für die "großen" Metal-Magazine, wenn dieses Album einmal mehr allenfalls am Rande auftauchen wird, denn wir können uns glücklich schätzen, wenn eine mehr als talentierte Band literweise Herzblut in ein rundum stimmungsvolles Album pumpt.
Fazit: Auch mit "Thin White Paint" dürfte dem Sieger-/Rheinländer Trio der eine große Name der einen großen schwedischen Band um die Ohren gehauen werden – und zwar zurecht: STEORRAH liefern mehr noch als beim ohnehin schon bemerkenswerten Vorgänger ein Album ab, das unabhängig von seiner Komplexität einfach schön zu hören ist. Wer also October Tide nicht nur gerne im Herbst hört, der mag in der mollenen Schwere von STEORRAH ein vortreffliches Ruhekissen entdecken, das, ist es erst über Augen und Ohren gestülpt, Vogelgezwitscher und Frühlingssonne kompromisslos ausblendet.
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 18.04.2015
Till Ottinger
Andreas März, Michael Haas (Background)
Nicolao Dos Santos, Andreas März
Christian Schmidt
Christian Schmidt
Mellotron: Nicolao Dos Santos
Brethard Records
1:05:13
10.04.2015