Ruhrgebiets-Deutschrock, angenehm frei von Schwulst und zweifelhafter Selbstbeweihräucherung, ohne "Wir gegen die anderen"-Attitüde und vermutlich dennoch genau der Stoff, den die Zielgruppe von FREI.WILD über KRAWALLBRÜDER bis UNANTASTBAR braucht. Ob BRDIGUNG darauf spekulieren, in solchen Kreisen zu landen oder nicht: Ihr aktuelles Album ist wesentlich besser und im Vergleich zu den Machwerken der Genannten auch ohne Bezug zur "Szene" ein unterhaltsames Hörerlebnis.
Die Kempener setzen verstärkt auf einen fast metallischen Sound, der sich ab und an durch Doublebass-Einlagen hervortut ("Vom Fliegen & Fallen", "Der Tag danach", "Scheiß auf die scheiß dritte Welt" - textlich brisant - und "Die Fürstin von Monaco"), was am Ende auch ein Gros des Gesamteindrucks macht, den "Chaostheorie" hinterlässt.
Das treibende Titelstück gibt den Grundtenor mit klischeefreien Hoffnungsbekundungen vor, aber BRDIGUNG verstehen sich auch auf nachdenklich machende, dennoch ironische Texte wie jenen von "Autonom extrem" und generell weniger typisch deutsches Pathos - nicht einmal beim offensichtlichen "Wir sind angepisst". Vielmehr geht es hier und dort in bester Liedermacher-Tradition ohne mahnenden Zeigefinger ("Das Spiel mit dem Feuer", "Gemeinsam gegen die Zeit") zur Sache.
So gleichförmig und manchmal auch vorhersehbar das Ganze auch klingt, sind sich die Musiker nicht zu schade für Ska-Elemente wie in "Hässliche Fans" und schreiben aufs Mitsingen ausgelegte Stücke, die im Verbund mehr Auflockerndes wie die versonnenen Außenseiter "Kein Land in Sicht" und "Der letzte Chor" zum Schluss gebraucht hätten. Der Klientel kann's egal sein, und …
FAZIT: … vor dem Hintergrund dessen, was in Sachen Muttersprache und Rockmusik aktuell immer noch an Stuss verzapft wird, tun sich BRDIGUNG mit ihren neusten Songs durch erfreulich wenige Stereotypen hervor, während sie einen gekonnten Spagat zwischen (vor allem lyrischem) Eigensinn und musikalisch massentauglicher Konvention begehen. Stimmige Songs, lauteres Image und stilvoller als der Rest vom Schützenfest, nicht mehr und nicht weniger.
Punkte: 8/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 11.04.2016
Alex
Julez
Julez, Jonzen
Sven
Rookies & Kings
53:39
15.04.2016