Freudscher Verleser: „Das sechste Studioalbum der kuscheligen Neo-Prog-Überflieger“. Die Überschrift des Presse-Infos zu MYSTERYs „Delusion Rain“ spielt indes auf die kanadische Herkunft der Band an und nicht auf den wohl vorhandenen Kuschelfaktor. „Neo-Prog-Überflieger“ ist aber in jeder Hinsicht ein Tacken zu viel. „Neo-Prog“ ist nur die halbe Wahrheit, Retro- muss unbedingt hinzugefügt werden und „Überflieger“ ist natürlich reines Werbeabteilungs-Sprech.
MYSTERY sind eher Reisleiter für solide, risikolose Charterflüge. Vom floydigen Einstieg an, über satte Chorusse, bis zu den gepflegten Melodic-Rock-Einsprengseln gibt es an der Ausführung nicht viel zu beanstanden. Allenfalls ist das Album ein bisschen zu gediegen, zu ausladend und auf Nummer Sicher gehend, will gefallen und gefällt auch, denn Charme, Können und Gefühl sind reichlich vorhanden. The Germans would call it Gemüt- oder auch Behaglichkeit, man kann sich in die bis zu zwanzigminütigen Songs einmummeln wie in einen seidigen Kokon.
Wo früher ganz leichte RUSH-Akzente zu vernehmen waren, sind jetzt TOTO plus Zeit näher. Oder SAGA („The Last Glass Of Wine“). Michel St. Père und Sylvain Moineau lassen die Gitarren an der langen Leine, es wird geklagt wie bei Gilmour („Delusion Rain“) und apart gezupft wie bei Hackett („If You See Her“), Benoit Dupuis spielt butterweiche Keyboards dazu und die Rhythmussektion sorgt dafür, dass die Mannschaft nicht in einlullendem Wohlklang ertrinkt.
Am Mikrofon hat es einen Wechsel gegeben. Benoit David, der ja schon bei YES aus gesundheitlichen Gründen das Handtuch geworfen hat, ist auch bei seiner Stammband MYSTERY ausgestiegen. Eines seiner letzten musikalischen Lebenszeichen war der Gastbeitrag auf dem Gordon Giltrap/Oliver Wakeman-Album „Ravens & Lullabies“. Seitdem macht er sich rar.
Jean Pageau heißt sein Nachfolger, und er schlägt sich verdammt gut. Kaum noch Jon Anderson-Affinität, stattdessen ein Hauch Geddy Lee plus kernigem Melodic-/Hard-Rock-Sänger, mehr Rob Moratti als Joseph Williams. Passt gut zur Musik und lässt Benoit David – irgendwie traurig nach dessen langjähriger Bandzugehörigkeit – kaum vermissen. Dass Nick D’Virgilio nach kurzer Dienstzeit nicht mehr dabei ist, fällt, trotz seiner starken Performance beim Vorgänger-Album, noch weniger ins Gewicht.
FAZIT: MYSTERY sind so etwas wie das Oberhaus des schmucken Schmuseprogs. Fließende Songs, die ins Ohr gehen, ohne durch anbiederndes Schleimen zu beleidigen. Manchmal etwas selbstverliebt und erschöpfend in der Interpretation („The Willow Tree“). Aber selbst schwächelnde Momente sind von einnehmender Eleganz und zur Not kann man sich einen Kaffee holen gehen. Nee, das ist schon alles ziemlich stimmig und trägt das Erbe der mittleren PINK FLOYD und GENESIS, versetzt mit einem deftigen Schlag Melodic-Rocks, geschmeidig ins 21. Jahrhundert, ohne zum Angriff der Klonmusiker aufzurufen.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 03.01.2016
François Fournier
Jean Pageau
Michel St-Père, Sylvain Moineau, Antoine Michaud
Michel St-Père, Benoît Dupuis, François Fournier, Jean Pageau, Sylvain Descoteaux
Jean-Sébastien Goyette
Jean Pageau (flute)
Unicorn Digital/Just For Kicks Music
61:46
11.12.2015