Das leicht widerborstige Vorgängerwerk war vielleicht die falsche Ansage, wenn man es in den Kontext jener Umbruchsphase setzt, die das letzte Jahrzehnt vor 2000 für den Metal war, aber mit "Black Hand Inn" schienen RUNNING WILD diese mutmaßliche Scharte auswetzen zu wollen, und heraus kam nichts weniger als ihr (jawohl) bestes Album überhaupt.
Für "Black Hand Inn" hat sich Rock 'n' Rolf eine fiktive Story im piratischen Milieu ausgedacht, und liest man in den Texten mit, offenbart sich sein Hang zu Verschwörungstheorien auf charmante Weise, und die Unterstellung, RUNNING WILD seien eine wirklichkeitsfremde Band, lässt sich im Guten wie Schlechten negieren. Die Erzählung überführt die konkret mahnenden Inhalte von "Pile Of Skulls" ins Fiktive, was zu übersteigertem Anprangern eines bis zuletzt nebulösen "Evil" führt.
Wie dem auch sei - oder ist "Black Hand Inn" just wegen seiner überspannten Art so geil? -, geboten wird eine
praktisch perfekt ausgewogene Mischung aus lässigen Rockern ('Fight The Fire Of Hate' und 'Freewind Rider'), Fantasievollem bis Ungewöhnlichem ('The Phantom Of Black Hand Hill', 'Dragonmen') sowie Speed mit hymnischem Charakter (Titelstück, 'The Privateer'). Mit 'Genesis' einer recht freie Lesart des babylonischen Schöpfungsmythos, reichen RUNNING WILD zudem ihren ultimativen Longtrack ein, der bis heute (schließlich sind STATUS QUO jetzt sozusagen der Status quo beim Songwriting) gleichzeitig Kaspareks unheilvollste Komposition überhaupt bleibt.
Mit den B-Seiten 'Dancing On A Minefield' und 'Poisoned Blood' ist die Bonussektion leider schwach bestückt, während das zwölfseitige Booklet, das zur Grundausstattung aller Wiederveröffentlichungen der Band gehört, einmal mehr zum Schmökern und Bildergucken einlädt. Ach ja, wer den in jedem Bandumfeld rigoros wie virtuos hämmernden Jörg Michael in Hochform erleben möchte, genehmige sich seine Performance auf dieser Platte und achte speziell auf sein rhythmisches Doublebass-Spiel. Der an der Produktion beteiligte Sascha Paeth bescheinigte zudem, dass es sich ausdrücklich nicht um einen Drumcomputer handelt, den man hier zu hören glaubt.
FAZIT: "Black Hand Inn" ist RUNNING WILDS Karrierehöhepunkt und letztgültiges Statement in Sachen Stahl mit unvergleichlicher Handschrift, eine Traumkombination aus künstlerischer Dringlichkeit und in langer Arbeit angeeigneter Professionalität, die zu abriebfesten Referenztracks für eigentlich jede traditionelle Metal-Band in gebündelter Form führte. Besser ging und geht es nicht. <img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/5defc7f6094f4077b56336d6eb7daa5f" width="1" height="1" alt="">
Erschienen auf www.musikreviews.de am 24.08.2017
Noise / BMG
59:25
25.08.2017