Die Schlagzahl, mit der RUNNING WILD in den 1990ern sagenhaft gute Alben heraushauten, ist beachtenswert und mit jener ihrer einstigen Label-Kollegen SKYCLAD vergleichbar. Zugleich blieb Rolf Kasparek mit "Pile Of Skulls" ein Ausbund der Beständigkeit und rückte die Piraterie wieder ins Zentrum seiner Musik, wiewohl er sich thematisch spezialisiert und Kritik an bis heute bzw. vermutlich auch für den Rest der Menschheitsgeschichte vorherrschenden Misständen (Käuflichkeit, Unterdrückung) übt.
Für die Musik allein bedeutet dies zunächst einmal gar nichts, aber in puncto Atmosphäre lässt sich nicht leugnen, dass 1992 eine gewisse Düsternis bei RUNNING WILD Einzug erhalten hat. Davon zeugen die längst rauere, tiefere Stimme des Frontmanns und im Besonderen mehrere Schlüsselstücke, zuvorderst das offensichtliche "Blazon Stone"-Überbleibsel 'White Buffalo', 'Roaring Thunder' und 'Sinister Eyes'. Wer die Platte zu ihrer Erstveröffentlichung kaufte, erinnert sich vielleicht daran, diese beiden Tracks eher mau gefunden zu haben, wohingegen sie im Nachhinein sogar zu den prachtvollen Momenten der Platte zählen.
Ohnehin ist "Pile Of Skulls" keine schillernde Visitenkarte für die Band, sondern eher Stoff für Feinschmecker unter ihren Fans. Selbigen machen es RUNNING WILD nämlich ein bisschen schwer; von der zwischenzeitlich erfolgten Umbesetzung (mal wieder) sowie einer Einarbeitung neuer Mitglieder (Stefan Scharzmann und Thomas Smuszynski) merkt man wenig, obgleich gewisse Parts nach den jüngsten Ausschweifungen ungewohnt reduziert anmuten (höre etwa 'Black Wings of Death': entschlackt und dennoch effektiv). Wie um dies zu negieren, übertreffen sich RUNNING WILD am Ende allerdings selbst mit dem fast zwölfminütigen Monster 'Treasure Island', das sich den handelsüblichen Songstrukturen aller übrigen Stücke entzieht.
zu den Boni: 'Hanged, Drawn And Quartered' und 'Win Or Be Drowned' reihen sich in die Fülle bombiger Ausschuss-Nummern von RUNNING WILD ein, und die beiden 2003er Neuaufnahmen sind recht überflüssig. Unverständlich bleibt eines: warum schon wieder die Alternativfassungen von 'Beggar's Night' und 'Uaschitschun', die schon auf dem Re-Release von "Under Jolly Roger" respektive "Port Royal" vertreten waren?
Sei es drum: Das eigentliche Album hat nach mehr als 20 Jahren an Schmelz gewonnen, weil es sich nicht plump ins Langzeitgedächtnis fräst, sondern einiger Investition auf Seiten des Hörers bedarf … und Engagement hin, Sperrigkeit her: Wäre das alles kein dermaßen köstliches Entertainment, könnte man diese Truppe glatt gefährlich finden. So bleibt sie wenigstens ein Haufen dem Anschein nach verruchter Rocker aus echtem Schrot und Korn.
FAZIT: Anhaltend gegenwartsrelevant bleibt derjenige, der Zeitgeschehen aus dem jeweiligen Kontext (via Kunst in beliebiger Form) ins Allgemeingültige hebt. RUNNING WILD trotzten der Fahrt aufnehmenden Alternative-Bewegung, die aller Gitarrenmusik mit dem Metal-Etikett zeitweilig die Lichter ausblies, durch Zurückhaltung einer und Ausdrucksstärke andererseits (einige geringfügige Variationen ihres Piraten-Leitmotivs) voller Identifikationspotenzial für eine Szene, die zusehends in die Röhre glotzen musste, wenn sie nach neuem Stoff in ihrer Stilistik Ausschau hielt. <img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/d3d54f29b4394e77b267b1c8d9c3db59" width="1" height="1" alt="">
Erschienen auf www.musikreviews.de am 24.08.2017
Noise / BMG
65:33
25.08.2017