Anno 2011 stand Alfred Müller vor dem Luxusproblem, das im Vorjahr entstandene Karrierehighlight "Unknown Realities" niveauvoll fortzusetzen. Herausgekommen ist mit "Force Majeure" ein Album, auf dem SONIQ THEATER wohl besonders "echt" nach einer ganzen Band klingen sollten, wobei der Schöpfer hier und dort vergessen zu haben schien, dass es letzten Endes immer um gute Songs geht, deren Klanganmutung zunächst einmal unerheblich ist.
"Force Majeure" ist aber auf die gesamte Laufbahn des Stuttgarters bezogen kein Tiefpunkt, sondern weist lediglich geringfügige Schönheitsfehler auf - und von Schönheit darf man im Zusammenhang mit der Scheibe auch wirklich sprechen, denn allen Tracks voran das pastoral-orchestrale 'Spring Fever', das auf spannende Weise mäandernde 'Wasteland' und das auf repetitiv hypnotische Weise Lounge-Ambiente schaffende 'Icicles' … sie alle belegen einen Sinn für Ästhetik, der keinerlei Reibungspunkte zulässt.
Das anders, als der Sanftheit vermittelnde Titel erwarten lässt, kantige 'Vapor Trails' (seinerzeit das noch recht aktuelle und vielerorts ungeliebte RUSH-Album gleichen Namens gehört, Alfred?) mit seinen stellenweise aufkratzend hohen Tonfrequenzen wirkt diesem Ethos entgegen, ohne dass man gleich von einer Scheibe voller Gegensätze sprechen müsste. Dennoch: "Force Majeure" ist trotz Müllers relativ unerkennbarer Handschrift wieder anders als seine Vorgänger, und dafür muss man den Mann loben.
Die verhältnismäßigen Schattenseiten? Die wohl ungewollte Entgleisung 'Russian Dance', die fast an Italo Disco denken lässt, und die ins kompositorische Nichts führende Ballonfahrt 'Piccard's Flight' am Ende, die man andererseits aber auch als Outro beschönigen darf. Ansonsten muss man an "Force Majeure" nichts verklären, denn es handelt sich im Anklang an seinen Titel um ein mächtiges Album, auch und gerade - man muss es immer wieder sagen, ohne Müller einen ungerechten Bonus gegenüber richtigen Bands zu geben - für einen Alleingänger.
FAZIT: Auf dem elften SONIQ-THEATER-Album strahlt viel Licht über wenige nur mattglänzende Kompositionen. "Force Majeure" bringt "Wir haben uns alle lieb"-Kitsch der sympathischen Sorte mit einigen kontrastiv aufwühlenden Momenten in Einklang und stellt eine weitere Facette des Müllerschen Schaffens heraus.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 08.09.2017
Eigenvertrieb
54;17
01.09.2017