Vier Jahre nach dem enttäuschenden Doppel-Konzeptalbum „House of Gold & Bones“ sind STONE SOUR nun mit ihrem inzwischen sechsten regulären Studioalbum zurück. Und auch diesmal war insbesondere Frontmann Corey Taylor nicht gerade sparsam, was die Lobeshymnen auf das neueste Resultat des eigenen Schaffens anbelangt. Addiert man hierzu die stete Kritik des Mittvierzigers aus Iowa am Status Quo von Rock und Pop Musik – insbesondere auch der jüngste verbale Schlagabtausch mit NICKELBACK – , lassen einen die insgesamt 15 Stücke von „Hydrograd“ noch ein gutes Stück ratloser zurück, als dies ohnehin der Fall wäre.
Zunächst eines vorneweg: ja, die neuen Songs klingen zeitweise wirklich deutlich weniger gezwungen als noch auf den beiden vorangegangenen Alben und auch die neu gewonnene Spielfreude ist hörbar. Ebenfalls muss man dem Album zugutehalten, dass der absolut desaströse Ersteindruck sich nach einigen Hördurchgängen zumindest punktuell relativiert – genauer gesagt betrifft dies in etwa die erste Hälfte. Wenig überraschend also, dass sich auch genau hier drei der vier vorab veröffentlichten Stücke tummeln. Ohne Frage einer der Vorteile einer großen Marketingmaschinerie. Man weiß eben, was sich verkauft.
Nach einem Intro, das man guten Gewissens auf dem ohnehin zu lange ausfallenden Album einfach hätte streichen sollen, folgen fünf Stücke, die nach und nach ihre Wirkung entfalten und durchaus gekonnt zwischen gefällig groovend oder auch gradlinig rockenden Gitarren und radiotauglichen Gesangsmelodien pendeln – offenkundig auf Stadion-Rock-Bedürfnisse und Radiotauglichkeit optimiert, aber zweifelsohne handwerklich gut gemacht und jeweils mit individueller Note versehen: „Taipei Person/Allah Tea“ versucht sich am Brückenschlag zu den eigenen Anfängen, „Knievel Has Landed“ punktet mit dem wohl größten Ohrwurmpotenzial des Albums, der schräge Titeltrack „Hydrograd“ weckt Assoziationen an „Benzin“ von RAMMSTEIN, „Song #3“ ist mit gefälliger Alternative-Rock-Schlagseite die besagt prädestinierte Single und zuletzt „Fabuless“, bei dem Corey Taylor vom cheesy Refrain bis zum wütenden Gebell alle Register zieht. Bis hierhin ein grundsolides STONE SOUR Album, das – wenn auch mit unverkennbarem Kalkül produziert – vermutlich einen Großteil der Fans zufriedenstellen dürfte, die den Weg der Band bis heute mitgegangen sind und nicht nach „Come What(ever) May“ oder spätestens „Audio Secrecy“ der Band verächtlich den Rücken gekehrt haben. Dass an der zweiten Gitarre inzwischen nicht mehr James Root sondern Christian Martucci werkelt, dürfte den Wenigsten auffallen, dürfte aber mit ein Grund für das sein, was nun folgt.
Die zweite Hälfte und qualitative Kehrseite von „Hydrograd“ wird durch „The Witness Trees“ eingeleitet. Es folgen diverse Annäherungen an FOO FIGHTERS und Konsorten (ohne auch nur zu einem einzigen Zeitpunkt deren Klasse zu erreichen), die wie eine Ansammlung von B-Seiten-Material anmuten, die es völlig zurecht bisher auf kein Album geschafft haben. Zu allem Überfluss ist auch bei „Thank God It's Over“ der Name nicht Programm, denn es folgen sechs weitere Stücke: darunter selbstverständlich die obligatorische Ballade („St. Marie“), das mit metallischer Schlagseite gänzlich deplatzierte „Somebody Stole My Eyes“ und der bezeichnend irrelevante Rausschmeißer „When The Fever Broke“.
FAZIT: STONE SOUR beweisen anno 2017 mehr denn je die endgültige Ankunft im absoluten Mittelmaß. Wer hören möchte, wie emotional packen die Band eins zu klingen vermochte, dem sei beispielsweise ein Vergleich zwischen „Bother“ („Stone Sour“) und „St. Marie“ ans Herz gelegt. Subtrahiert man den markanten Gesang und die Bekanntheit durch SLIPKNOT, bleibt Stand heute quasi nichts mehr übrig. „Hydrograd“ kombiniert im Grunde ausreichend Songs für eine solide EP mit einer Wagenladung an substanzlosem Füllmaterial. Schade.
Punkte: 6/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 25.06.2017
Johny Chow
Corey Taylor
Josh Rand, Christian Martucci
Roy Mayorga
Roadrunner Records
65:14
30.06.2017