Grenzgänger und Chamäleon Brian Enos Musik bleibt bis heute modern und ist derzeit vielleicht sogar aktueller denn je, weshalb eine Wiederveröffentlichung seiner prägenden Werke auf audiophilem Vinyl (45 rpm, remastert, 180g Doppel-LPs) naheliegt, denn erneut oder zum ersten Mal entdecken kann man etwas dermaßen Zeitloses immer. "Discreet Music" von 1975 ist das erste von vier miteinander zusammenhängenden Alben, die kurz vor Jahresende 2018 neu aufgelegt werden, wohingegen unter rein chronologischen Gesichtspunkten andere den Vorzug hätten erhalten müssen.
Neben "For Films", "For Airports" und "On Land" bildet diese Platte jedoch eine Ecke des zukunftsweisenden Ambient-Quadrats, das der Künstler bis zum Ende der 1970er aufspannte. Im Grunde führte sie zunächst einmal nur weiter, was er gemeinsam mit King Crimsons Robert Fripp auf "No Pussyfooting" ("Frippertronics" - sich überlagernde Loops mehrerer auf Synthesizer gespielter Melodien) und in einigen Stücken seines eigenen Langspielers "Another Green World" angeschnitten hatte. Inspirieren ließ er sich während eines Krankenhausaufenthalts von Harfenklängen aus dem 18. Jahrhundert, die er so leise hörte, dass der Regen sie von draußen übertönte. Das war faktisch die Geburtstunde des Ambient.
Das halbstündige Titelstück beruht auf der besagten "Frippertronics"-Methode und bringt das im Allgemeinen nicht zweckgerichtete Wesen des Stils auf den Punkt, auch wenn ihm im Gegensatz dazu systematische Arbeitsprozesse zugrundeliegen - Testen von Studioequipment, die schiere Freude am Ausloten technischer Möglichkeiten, Input geben und abwarten, was die Maschinen so ausspucken. Andererseits überlässt Eno die Wahrnehmung von "Discreet Music" nicht dem Zufall.
Auf der zweiten LP stehen verfremdete Variationen des Barock-Komponisten Johann Pachelbel - Kammermusik, um genau zu sein, aber in verfremdeter und ausschnitthafter Form dargeboten vom sogenannten Cockpit Ensemble. Hiermit zwang Eno den Hörer durch subtile Modulationen innerhalb der Aufnahme, konventionelle Rezeptionsarten von Musik infrage zu stellen.
FAZIT: "Discreet Music" stellt Brian Enos ersten Vorstoß in generative, fast wissenschaftliche Musik dar, ist ein Stück weit "l'art pour l'art" und mit seiner getragen feierlichen Anmutung nachgerade körperlos, obwohl es durchaus berührt. So oder so, hiermit wurde Mitte der 1970er der Grundstein für alles gelegt, was sich später mehr oder weniger ruhmvoll "Ambient" nennen sollte. <img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/cd6331887f244270971113f555817477" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 25.11.2018
Universal / Virgin EMI
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16.11.2018