Da haben RAIG mal wieder eine Goldader entdeckt, die bislang unerschöpft geblieben ist. MOTHERFATHERS sind bereits 2007 mit diesem Album zu Potte gekommen, doch das russische Label bringt den Langspieler seiner Landsleute nun noch einmal in einer hübschen Neuauflage heraus, was er definitiv auch wert ist.
MOTHERFATHERS verbinden das Verschwurbelte des Psychedelic Rock der 1960er mit de noisigen Ur-Alternative der späten 1980er. Bei "Kamchak!" handelt es sich um das Debüt des Trios, das sich im Studio um Gastmusiker verstärkt, um einen im wahrsten Sinn des Wortes gewaltigen Sound zu erzeugen. Die 2006 gegründeten Moskowiter geben sich oft avantgardistisch, indem sie sperrige Konstrukte zu Gehör bringen und bewusst einen hässlichen, unterproduzierten Sound fahren. Einige Tracks scheppern und klirren, dass es auf keine Kuhhaut geht, doch dahinter verbirgt sich stets mindestens eine pfiffige Idee, selbst wenn das Gefüge komplett zu zerfransen droht. Manchmal gehen MOTHERFATHERS aber auch mit eiskaltem Kalkül geradewegs auf ein musikalisches Ziel los.
Dann sind sie pures Gold wert, etwa im eingängigen Stop-and-Go von - genau - 'Go!' und 'Chemicals Gone To Her Head' oder während der Slowcow-Harmonie 'Stale' und des fragilen 'Shiver', das wie mehrere andere Tracks live mitgeschnitten wurde. Die sich wiederholenden Strukturen einiger fast rein geräuschhafter Nummern ('Avenue Cracking Truck'') würden hingegen zum Meditieren anregen, wären sie in ihrer klanglichen Art nicht schier aufreibend. So ist auf "Kamchak!" zwar nicht alles zwingend anhörbar, aber es gibt unheimlich viel zu entdecken.
In diesem Sinne seien abschließend noch das tribalistische 'Goat To Go' mit Mundharmonika und generell jene herrlichen New-Wave-Anleihen genannt, die man in den Höhepunkten 'Mannequin' und 'You Suck My Tongue' vernimmt. Folglich lassen sich MOTHERFATHERS auch nicht kurz beschreiben, sondern eher so …
FAZIT: … als Mischung aus Garagenpunk, Kraut-Urvätern wie Can oder Neu!, britischem Space Rock und elektrifiziertem Free Jazz, alles stets am Rande des akustischen Wahnsinns, jedoch bisweilen durchaus eingängig und verblüffend simpel, dann wieder haarsträubend vertrackt, regelrecht chaotisch mit Gitarenschleifen, Rhythmus-Samples, elektronischem Krach und verzerrtem Bass. Kurzum, "Kamchak!" subsumiert knapp ein halbes Jahrhundert wagemutiger Musik. <img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/6cb95e67f1ad48c8a5a5db9caa7fdddd" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 25.03.2019
RAIG
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15.03.2019