Was macht eigentlich Benoît David? Die gerade nachgelassenen YES-Stücke auf dem „From a Page“-Mini-Album mit ihm als Sänger besitzen eine sympathische Qualität, die weit vom „Heaven And Earth“-Desaster entfernt ist. Daraus hätte etwas werden können, doch wie es aussieht, hat sich David tatsächlich seit 2013 konsequent aus dem Musikgeschäft zurückgezogen und repariert in und um Quebec lieber Kraftfahrzeuge, Flugzeuge, Boote und Möbel mit seiner eigenen Firma Vinyle Pro. Auf Fotos macht er einen zufriedenen Eindruck. Das ist schön. Leider fehlt er so beim 25jährigen Jubiläum seiner ehemaligen Band MYSTERY.
Was aber nur zu einer kleinen Träne im Knopfloch führt, denn David scheint glücklich zu sein und sein Nachfolger Jean Pageau leistet seit „Delusion Rain“ (2015) hervorragende Arbeit. Band und Sänger passen zueinander und stellen dies auch beim etwas verfrühten Jubiläumsgeschenk „Live Poznan“ harmonisch unter Beweis. Das Album ist mit gut 160 Minuten prall gefüllt. Das komplette letzte Studiowerk „Lies And Butterflies“ wird auf beide Tonträger verteilt ausgespielt. Knapp siebzig Minuten überschneiden sich, in dezent veränderten Interpretationen, mit der 2017er Live-Veröffentlichung „Second Home“, die verbleibenden elf Minuten („The Scarlet Eye“, „The Sailor And The Mermaid“) stammen vom 2007er-Album „Beneath the Veil Of Winter's Face“.
Selbst inklusive der Doppelungen ist „Live Poznan“ ein Rundum-Sorglos-Paket in Sachen symphonischen Melodic-Progs. Nicht nur die „Lies And Butterflies“-Stücke gewinnen durch die druckvollere Bühnenaufführung. Der melodische Schmelz bleibt erhalten, doch die forschere Umsetzung, die filigrane Spielereien, inklusive wohlgeratener YES-Hommage, nicht vernachlässigt, sorgt für eine Aufwertung des üppigen MYSTERY-Programms. Das reicht von durchdacht-vertrackten Sequenzen bis zu hymnischen Mitsingmomenten wie im Zwanzigminüter „Through Different Eyes“, der gerade bei den Gitarrenparts ein bisschen Hackettsche Kaminatmosphäre beschwört. Der abwechslungsreiche und erkleckliche Tasteneinsatz trägt ebenso zum Gelingen des gesamten Konstrukts gekonnt bei.
Klanglich ist das Album eine Wucht, die einzelnen Instrumente bleiben klar verortbar, Jean Pageau bekommt genau die richtige Präsenz für einen Vorturner, der seine Kollegen nicht überlagert, die fetten Basssounds (Taurus Pedals!) werden zum lebensbedrohlichen Prüfstein für schwächliche Lautsprecher. Komplex, aber differenziert und zu keinem Zeitpunkt ein wulstiges Gebräu.
MYSTERY sind mittlerweile eine eigene Marke, man bemerkt die Berührungspunkte zu anderen Bands von SAGA über PALLAS bis YES, doch haben die Kanadier das längst verinnerlicht und ihren individuellen Stil gefunden, der bruchlos zwischen zuckrigem Edelkitsch, ausgefeiltem Art- und bratzigem Rock („Chrysalis“, „The Preacher’s Fall“) pendelt. Und wenn Jean Pageau zur Flöte greift, wird’s ein bisschen warm ums Herz.
FAZIT: Mit „Live Poznan“ belegen MYSERTY eindrucksvoll, dass die Band zum Besten gehört, was der melodische Prog im 21. Jahrhundert zu bieten hat. Aus der Zeit gefallene Grandezza, voller Kitsch, kompositorischer Kleinode und Kapriolen, die ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, wenn man dieser Musikrichtung etwas abgewinnen kann. So kann es die nächsten fünfundzwanzig Jahre weitergehen.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 17.12.2019
Francois Fournier
Jean Pageau, Francois Fournier, Sylvain Moineau, Jean-Sebastien Goyette
Michel St.-Pere, Sylvain Moineau
Antoine Michaud, Jean Pageau
Jean-Sebastien Goyette
Jean Pageau (flute), Francois Fournier (taurus bass pedals)
Oskar
CD1: 78:26, CD2: 79:00
15.11.2019