Als Jazz-Dozent mit dem Saxofon als Schwerpunkt kennt der langjährige Komponist und Arrangeur Romano Pratesi auch die "andere" Seite des Musikmachens, also den Aspekt trockener Aneignung von Fertigkeiten und Kenntnissen neben dem rein schöpferischen Prozess. In Form von "Frizione" entstand jedoch ein Album unter seiner Leitung, das nicht im Geringsten unschön akademisch wirkt.
Der gebürtige Sizilianer ist auch beim Quintett Rubber Band an der Seite von Holzblas-Kollege David Liebman und Schlagzeug-Ass Adam Nussbaum tätig, nicht zu vergessen Frizzione, wo zudem Louis Sclavis' Gitarrist Hasse Poulsen (ebenfalls Sighfire, Das Kapital) und Drummer Christophe Marguet vom Orchestra National de Jazz mitwirken. Dieses Trio wurde zwischenzeitlich zu einem Sextett umgekrempelt, das die hier zur Diskussion stehenden Stücke einstudiert und aufgenommen hat.
Zur erweiterten Besetzung gehören der frühere Frank-Zappa-Zuarbeiter Glenn Ferris sowie mit Stéphan Oliva und Claude Tchamitchian zwei emporkommende Talente der französischen Szene, die sich alle am Schreiben des Materials beteiligten. Dementsprechend bunt gestaltet sich der Reigen auf "Frizione" auch; um das im besten Sinn opulente elfeinhalbminütige 'Processione' und die fast sieben teils impressionistischen, teils fast traditionell boppigen Minuten von 'Katsounine' herum hat das Ensemble eine Kulisse aus rein akustischen und verstärkten Klängen aufgespannt, die viele Assoziationen zulässt, ohne sich auf eine Schiene festlegen zu lassen.
'Vetro' so etwas wie verquere Broadway-Eleganz aus, falls man sich so etwas vorstellen kann, 'St. Jean' tanzt während der Zeit zwischen den Weltkriegen durch Pariser Cafés und mutet dennoch sehr zeitgenössisch an, wohingegen 'Passeggiata A Lecce' neben den Bläsern vor allem das Saiteninstrument ins Schlaglicht rückt und sich hinter dem kritisch-augenzwinkernden Titel 'Arab Scare' ein vergleichsweise düsterer Schlusssatz verbirgt.
Größtenteils ist "Frizione" nämlich ein farbenfrohes Stück Jazz ohne allzu stark bindende Verpflichtungen gegenüber irgendeiner Schule - geschweige denn, dass Negativität der atmosphärische Grundtenor wäre.
FAZIT: Mit ihrem ersten gemeinsamen Studiowerk legen Romano Pratesi und seine fünf Mitstreiter ein Muss-Album zwischen Fusion und Kammermusik der jeweils unkonventionellen Art vor. Einmal mehr gilt im Zusammenhang mit einem Release von Das Kapital: Man muss die Musik selbst gehört haben, denn Beschreibungen bleiben hinter der Wirklichkeit des Erlebten zurück. <img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/a48daa8a082f43909b94a13499b9c4f5" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 02.10.2019
Das Kapital / Broken Silence
46:50
04.10.2019