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Ryan Bingham: American Love Song

Stil: Americana

Cover: Ryan Bingham: American Love Song

Oscar- und Grammy-Gewinner Ryan Bingham (für 'The Weary Kind', den Titelsong des 2010er Streifens “Crazy Heart”) durchwandert auf diesen neuen Album gemeinsam mit seiner Frau Anna Axster ein Tränental. "American Love Song" - der Titel ist wohl wortwörtlich zu verstehen - markiert das vorläufige Ende einer Identitätssuche und übt zugleich böse Kritik am vorherrschenden Status quo im Land der unbegrenzten Möglichkeiten … oder mittlerweile besser gesagt: krassen Gegensätze und Schizophrenie auf allen Ebenen.

Der Mann, der in Südtexas und Neumexiko aufwuchs, stammt immerhin selbst aus zerrütteten Verhältnissen (die Mutter alkoholabhängig, der Vater Selbstmörder) und wohnt mittlerweile in Kalifornien, wo er den Sound, den er auf seinem Debüt “Mescalito” kultivierte, dadurch zu einem Genre-Crossover ausgeweitet hat, dass er werde Country noch Text Mex oder Rock ausschließt.

Die beiden selbstreferenziellen Tracks der Scheibe - der sprunghafte Opener 'Jingle and Go' sowie 'What Would I’ve Become' als Hypothese in Bezug auf den eigenen Werdegang des Künstlers - stellen gemeinsam mit demJanis-Joplin-Tribut 'Blues Lady' (auch Ryans Mutter gewidmet) die stilistischen Weichen für den Rest.

Indem sich Ryan im trotzigen Lamento 'Blue' mit Depressionen und dem Tod seiner Eltern auseinandersetzt, verweist er auf den in der vermeintlich aufgeklärten westlichen Welt bis heute bestehende Irrtum, psychiatrische Behandlungen zu verpönen und seelisch Kranke zu stigmatisieren. Parallel dazu sprechen der repetitive Blues 'Hot House' von justizieller Ungerechtigkeit und 'Wolves' sowohl mit Binghams eigener schwieriger Jugend als auch den Tücken von Social Media im Zusammenhang mit dem Schulmassaker von Parkland in Florida, das sich am 18. Februar 2019 erstmals jährt.

Der Jingle-Jangle von 'Situation Station' steht wiederum im starken Kontrast zum Inhalt, der auf den gegenwärtigen Zustand der Heimat des Musikers Bezug nimmt, und 'America' markiert diesbezüglich als Quasi-Titelsong den Höhepunkt des Albums. Bingham sagt weiterhin trotz aller Unbill Ja zum Leben und möchte Menschen zusammenbringen. Dieses Album dürfte lyrisch für Zündstoff sorgen, seinem Anliegen aber dennoch gerecht werden.

FAZIT: Auf "American Love Song" gelingt Ryan Bingham ein eindrucksvoller Spagat zwischen den politischen, autobiografischen und spirituellen Sphären - ganz ohne Pathos, dafür mit unvergleichlich zwitterhafter Americana-Musik, für die eine solche Schublade fast schon zu eng ist. <img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/4d2568dbcabc4e19a2a7056f8379cb02" width="1" height="1" alt="">

Punkte: 12/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 10.02.2019

Tracklist

  1. Jingle and Go
  2. Nothin' Holds Me Down
  3. Pontiac
  4. Lover Girl
  5. Beautiful and Kind
  6. Situation Station
  7. Got Damn Blues
  8. Time for My Mind
  9. What Would I've Become
  10. Wolves
  11. Blue
  12. Hot House
  13. Stones
  14. America
  15. Blues Lady

Besetzung

Sonstiges

  • Label

    Axster Bingham Records-Thirty Tigers / Alive

  • Spieldauer

    66:09

  • Erscheinungsdatum

    15.02.2019

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