Die wievielte SONIQ THEATER ist "Brandenburg" - die 20.? Dann würde sie das Jubiläum standesgemäß markieren, denn Mastermind Alfred Mueller (ehemaliger Keyboarder der Prog-Rocker Rachel's Birthday) scheint nicht nur ungebrochen kreativ zu sein, sondern seine musikalischen Ideen über die Jahre hin auch immer besser umsetzen zu können. Der Vorgänger dieses Albums gehörte bereits zu seinen stärksten Studioproduktionen, und diese neue Zusammenstellung von Kompositionen aus dem weiteren stilistischen Kontext der Berliner Schule bzw. sogenannten Kosmischen Musik ist der jüngsten qualitativ mindestens ebenbürtig.
Wie einige Titel bereits suggerieren, betreibt das Stuttgarter Unikum wieder einmal künstlerische Weltreisen. Der Startschuss in 'Antarctica' fällt explosionsartig-bombastisch und stellt zugleich das zweitlängste Stück auf "Brandenburg" dar. Weite Melodiebögen, die auf der E-Gitarre gespielt werden, scheinen bei SONIQ THEATER einen zusehends höheren Stellenwert einzunehmen und machen diese Eröffnung zu einem wunderbar dramatischen, aber eben doch menschlichen Synthesizer-Orchester.
Den Frühling in Sibirien ('Springtime in Siberia') feiert Mueller mit einem treibenden Neo-Progger, der speziell wegen des Keyboard-Sounds an IQ, Marillion und Co. gemahnt. Während 'London Town' - Stichwort Hammond-Sounds - fallen einem wiederum Deep Purple ein, doch die Aura ist insgesamt eine nebelhafte (wie die britische Hauptstadt eben), auch wenn die Nummer zu den rhythmisch nuanciertesten zählt. Diesbezüglich fällt anders als sonst so oft nicht einmal der Drumcomputer negativ ins Gewicht. Zu 'Weekend in Monaco' passt er umso perfekter, weil hier der Art Pop und New Wave der frühen 1980er anklingen.
Die beiden kürzesten Tracks 'Daytona Beach' und 'Brimstone Cave' sind zugleich die kuriosesten und, der erste beinahe Disco-mäßig wie zur Lounge-Beschallung während eines Urlaubs an ebenjenem Strand, der zweite wie die Vertonung des Tröpfelns von der Decke der titelgebenden Höhle. Dann wären da noch das urban kühle 'Brandenburg', das wie die Metropole schillernde 'NYC', das kurze, perkussiv-akkordische Zwischenspiel 'The Cyclades' ('Tasmania' sind kurz darauf 45 Sekunden flächiges Ambient-Rauschen) sowie das "grande finale" 'Mariana Rift' - fast elf Minuten meisterhafte Dynamik mit den deutlichsten Querverwesen Muellers auf Mike Oldfields frühe Arbeiten. Bravo dafür und überhaupt für die gesamte Scheibe!
FAZIT: Jemand müsste SONIQ THEATERs umfangreiches Gesamtwerk, dem "Brandenburg" derzeit ein Krönlein aufsetzt, eine standesgemäße Veröffentlichung spendieren, am besten in einem hübsch aufgemachten Boxset für Liebhaber früher deutscher Progressivlinge, die bei Mr. Muellers Musik generell in Verzückung geraten dürften. <img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/573428502e614cb5a04bc88e7c196c0a" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 27.02.2019
Alfred Mueller
Alfred Mueller
Eigenvertrieb
58:02
01.02.2019