Als Nachfolger von „Disadvantaged“ (2011) kommt "Colourblind" am Nobody-Status von STINGER gemäßen arg spät, weshalb die Gruppe praktisch von Grund auf neu anfangen muss - umso schwierig, als sie Originalität beileibe nicht mit Schöpflöffeln gefressen hat …
… oder auch nur Teelöffeln. Das Quintett fährt auf seiner woanders zigmal spritziger interpretiert gehörten Hardrock-Schiene weiter und hat mit Martin "Schaffi" Schaffrath immer noch einen besonders nervtötenden Frontmann, der das glanzlos überraschungsfreie Instrumental-Einerlei, das die übrigen vier Mitglieder von einschlägig bekannten Hardrock-Bands der 70er und 80er inspiriert zusammenstümpern, anscheinend nicht unbemerkt vorbeiziehen lassen möchte. Stattdessen kommt man aufgrund seines Overactings und unangenehmen Timbres nicht umhin, der Band zuzuhören, wo man die Ohren eigentlich auf Durchzug stellen könnte.
Das mit künstlich aufgepumpten Muskeln schreitende 'Deaf And Blind' und der ebenso aufdringlich kraftmeiernde Opener 'Hard To Believe' stehen beispielhaft für STINGERs Bierzelt-Mucke, angesichts welcher man sich fragt, wie Label-Menschen mit gutem Gehör so etwas unter Vertrag nehmen können. Auch der Amateur-Blues 'Suicide' und die dümmlichen Lyrics von 'Mashed Potatoes' (nicht der einzige textliche Fauxpas) sollten Plattenfirmen normalerweise von einem Plattenvertrag absehen lassen, aber bei Boersma ist man ja grundsätzlich recht schmerzfrei, was Qualität angeht.
Wie dem auch sei, den dreistesten AC/DC-Abklatsch von "Colourblind" markiert der Doppel-Fehlschlag aus 'Rollin‘ Along' und 'My Girl', und das penetrant gutgelaunte 'Smile' mutet fast wie J.B.O. ohne offensichtliches Klamauk-Image an. STINGER sind vielmehr unfreiwillig komisch. Während 'From Heaven Above' verhebt sich die Combo aufs Schmerzhafteste an Songstrukturen, die über den Strophe-Refrain-Strophe-Konsens hinausreichen. Kunstfertigkeit geht zweifellos anders, und auch wenn traditioneller Stromgitarren-Stoff nicht "sophisticated" sein muss, braucht man ihn anders herum auch nicht auf regelrecht bäurischem Niveau.
Das ums Verrecken nicht aus dem Quark kommende 'So Dark' mutet schließlich so verkrampft finster an, dass es nach Grufti-Disco Mitte der 1990er in der ostdeutschen Provinz klingt.
FAZIT: Dorffest-Hardrock zum Abgewöhnen. <img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/92da4f73ec7f483eabed77f8bb485370" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 4/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 30.08.2019
Boersma / Edel
45:28
02.08.2019