Im Schatten des finsteren bis schwarzen Metal lädt der so genannte Dungeon Synth unter ähnlichen Bannern, allerdings mit minimaler Instrumentierung zur Weltflucht ein, und das deutsche Projekt MURGRIND stellt in keinerlei Hinsicht eine Ausnahme dar, im Gegenteil: Seine Keyboard-Musik wartet mit unüberhörbaren Verweisen auf die Wegbereiter aus Österreich - Summoning, Die Verbannten Kinder Evas - auf.
Diese Einflüsse kommen auch im neuesten Werk zu tragen, zugleich schwingt auch etwas von der erhabenen Anmut früher Arcana-Aufnahmen mit - und das darf als Kompliment verstanden werden. Nicht nur überrascht MURGRIND mit dieser Veröffentlichung - das letzte Langspielalbum "The Fallen Kingdom" liegt erst ein paar Monate zurück -, sondern auch mit der Komposition selbst: Es ist ja nicht so, als ob er nicht einiges an Erfahrung mitbrächte, doch der Aufbau des 17-minütigen Stücks gerät selbst für MURGRIND-Verhältnisse prächtig und sehr episch. Vielleicht liegt das daran, dass der Komponist in Zeiten des "Lockdowns" auf sich selbst zurückgeworfen wurde und ein Stück schreiben wollte, das den Hörern Mut macht und sie daran erinnert, sich in Zeiten äußeren Chaos auf die eigenen Stärken zu besinnen. Insofern hat "The Power Of Yourself" nichts mit den äußeren Vorkommnissen zu tun, sondern ist einmal mehr in MURGRINDs Welt angesiedelt, und ist doch irgendwie ein besonders willensstarkes Kind seiner Zeit. Die Arrangements klingen "runder" und dichter als je zuvor, statt Zwei-Finger-Such-System gibt es das volle, d.h. dramaturgisch gut strukturierte Programm an (Synth-) Fanfaren und (Synth-) Trommeln: Ein Fantasy-Soundtrack, der in etwas mehr als einer Viertelstunde verdeutlicht, dass der instrumentale Minimalismus des Dungeon Synth in einigen Fällen einen eigenen Reichtum beherbergt.
FAZIT: Während der selbsternannte "Gottvater des Dungeon Synth" vor kurzem mit einem nahezu peinlich uninspirierten Neuaufguss seines besten Albums die Schattenseiten des von ihm selbst mit ins Leben gerufenen Stils vor Ohren führte, liefern aktuell einige Underground-Künstler überraschend starke Werke ab, und dazu zählt auch dieser orchestrale Mini-Soundtrack aus der Welt von MURGRIND. Ein Langspielalbum dieser Güteklasse würde wohl selbst für ihren Geiz bekannte Zwerge etwas tiefer in die Schatztruhen greifen lassen.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 13.05.2020
Murgrind
Uralte Herrschaft Produktionen
17:17
04.05.2020