Es ist unbestritten, dass die seit 1973 bestehende schottische Band RUNRIG Weltruhm genießt und eine unbeschreibliche Vielzahl von Fans aufweist. Doch die tragische Geschichte um ihre ganz speziellen Fans von der Columbia-Raumfähre, die am 1. Februar 2003 über Texas in einer Höhe von ca. 61 Kilometern und bei einer Geschwindigkeit von fast 20.000 km/h auseinanderbrach, wurde zu einer kosmo(politischen) Legende hinter der musikalischen Legende. Denn unter den 83.000 Fundstücken der Columbia befand sich das 2001er-Album „The Stamping Ground“ und im Wiedergabegerät des Raumschiffs eine weitere CD von RUNRIG. So konstatierte der Ehemann der bei diesem Flug verstorbenen Crew-Astronautin Laurel Clark dann auch: „Die letzte Musik, die die Columbia-Crew gehört hat, war also von RUNRIG!“
47 Jahre nach Bandgründung und 17 Jahre nach dem Columbia-Unglück gräbt MIG Music nun dieses wahrhaft begeisternde Musik-Fundstück unter dem Titel „One Legend – Two Concerts“ aus, das zwei Rockpalast-Konzerte von RUNRIG der Extraklasse enthält. Das eine aus der Düsseldorfer Philipshalle vom 3. Februar 1996 und das andere aus dem Kölner Palladium vom 15. Dezember 2001, das als Weihnachtskonzert deklariert worden war und mit einer Zugabe aufwartet, die eine faustdicke, sehr emotionale Wirkung hinterlässt.
Eine ganz spezielle Besonderheit beider Konzerte sind die wechselnden Frontmänner – 1996 singt noch Donnie Munro, 2001 aber der einzige Nicht-Schotte Bruce Guthro aus Kanada. Doch völlig egal, wer nun singt: RUNRIG stellen bei beiden Rockpalast-Konzerten deutlich unter Beweis, warum die Schotten plus der eine Kanadier eine Ausnahmestellung im Folk-Pop-Rock-Universum bis weit in den Kosmos hinein genießen. Und zugleich macht viele nach dem fast 250 Minuten andauernden Doppel-Konzert-Genuss, der natürlich ganz speziell auch von den ruhigeren, träumerischen Tönen lebt, wahrscheinlich traurig, dass sich RUNRIG vor zwei Jahren (wohl) endgültig auflösten.
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Beide Rockpalast-Konzerte, die auf zwei DVD's und vier CD's verewigt und mit einem zwölfseitigen Booklet in einer Hardcover-Box verpackt wurden, zeichnen sich durch einen sehr stimmigen, voluminösen Sound aus, der im Vergleich zu vielen anderen Konzerten dieser Zeit durchaus hervorsticht. Die Bildqualität ist typisch für die damalige Zeit im 4:3-(aber keinesfalls HD-)Format und nicht in bestechender Qualität. Man kann sogar die Entwicklung der Filmtechnik daran verfolgen, denn das fünf Jahre später erschienene Kölner Konzert ist qualitativ zwar besser, geht aber nicht über VHS-Qualität hinaus. Der Sound allerdings überzeugt rundum bei beiden Konzerten, sodass auch die CD's mit einer sehr guten Stereo-Live-Qualität punkten können.
Bei den Konzerte Spezielles hervorzuheben, erübrigt sich, denn RUNRIG treiben auch live das zur Perfektion, wofür ihre Millionen von Fans sie lieben: Größtenteils ruhiger Folk mit starken schottischen und weltmusikalischen Einflüssen sowie Pop-Melodien, von denen einige für die Ewigkeit sind, aber auch die Verbundenheit zu traditionellen Texten, die nicht nur in englischer, sondern auch gälischer Sprache erklingen. Und selbstverständlich werden alle Liebhaber der beiden großartigen Bands BIG COUNTRY und BOOMERS ihre wahre Freude an RUNRIG haben, genauso wie der eine oder andere Fan von DAVID GILMOUR, da zwar selten, aber immer mal wieder, die Gitarre ihre Ausflüge in ruhig-floydanische Richtung einschlägt, während der Keyboarder des ersten Konzerts auch gerne mal BRUCE HORNSBY nacheifert, während beim zweiten Konzert durchaus Erinnerungen an die SIMPLE MINDS der „Street Fighting Years“-Ära aufkommen dürfen.
Interessant sind natürlich die beiden doch deutlich unterschiedlichen Sänger – der die hohen und zarteren Töne bevorzugende Munro und der rockiger und Singer/Songwriter-veranlagte Guthro, die jeder für sich der RUNRIG-Musik ein spezielles Gusto verleihen.
Übrigens stieg Munro bei der schottischen Band aus, um seinen Weg als Politiker fortzusetzen.
Na ja, ob das wohl eine kluge Entscheidung war?
Zwar kann man hier nicht über Munros Polit-Qualitäten philosophieren, aber dass Guthro nicht nur ein Abklatsch von Munro, sondern ein vollwertiger Ersatz mit eigenständigen Qualitäten war, steht nach dem 2001er-Konzert unwiderruflich fest.
Sieht man sich die Konzerte genauer an, wird man verblüfft feststellen, dass es der einen wie der anderen RUNRIG-Formation gelingt, das Publikum komplett in ihren Bann zu ziehen und – ganz ohne Pathos ausgedrückt – es regelrecht zu hypnotisieren. Die vielen Publikumschwenks der Kamera sprechen eine deutliche Sprache dazu. Und auch wenn man vor dem Fernseher sitzt, wird man trotz der nicht wirklich großartigen Bildqualität, ganz ähnlich vom Charisma der Schotten und des kanadischen Sängers Guthro, der das Publikum immer wieder zu bezaubern versteht, berauscht.
Diese aus zwei DVD's, vier CD's und einem 12-seitigen Booklet bestehende RUNRIG-Box „One Legend – Two Concerts; Live At Rockpalast 1996 & 2001“ zählt ohne Wenn und Aber zu den absoluten Highlights der Rockpalast-Ära! FAZIT und aus!
Erschienen auf www.musikreviews.de am 16.11.2020
Rory Macdonald
Donnie Munro, Bruce Guthro, Rory Macdonald, Malcolm Jones, Calum Macdonald, Brian Hurren
Malcolm Jones, Donnie Munro, Bruce Guthro, Rory Macdonald
Peter Wishart, Brian Hurren
Iain Bayne, Calum Macdonald
Malcolm Jones (Akkordeon, Midi Pipes)
MIG Music
CD's – 243:13 / DVD's – 255:00
30.10.2020