Von den meisten Versuchen von Acts aus dem Rock- und Metal-Bereich, der vermeintlich besinnlichen Zeit gegen Ende jedes Jahres in musikalischer Hinsicht etwas abzugewinnen, konnte und kann man sich nur mit Grausen abwenden, denn im Grunde genommen gibt es in solchen Fällen nur zwei Möglichkeiten:
Die Protagonisten machen sich entweder lächerlich, weil die Adaption traditioneller Weihnachtsweisen schlicht und ergreifend nicht zu dem Stil passt, den sie verkörpern, oder verspielen Sympathien bei ihren Fans, weil diese wohl nicht zu Unrecht der Ansicht sind, da würde sich jemand dem Mainstream anbiedern. Ein wägbarer dritter Weg - die ironische Zerstörung der Vorlagen - führt hingegen in unangenehm zynische Gefilde, zumal die "lustige" Interpretation des Materials den Originalen der jeweiligen Gruppe nie standhält; so verhält es sich ja meistens auch bei Coverversionen von Pop-Songs, die durch den Kakao gezogen werden.
Was das mit STALLION zu tun hat? Diese EP der deutschen Speed-Metal-Helden enthält neben einer neuen Komposition ihrer selbst zum Thema Weihnachten und dem nachgespielten King-Diamond-Klassiker 'No Presents For Christmas' (toll gemacht!) eine Reihe von Anspielungen auf den klassischen Liederkanon zum Advent und angeblichen Wiegenfest Jesu Christi. Das eröffnende neue Stück der Gruppe ist ein rockiger Ohrwurm mit fürstlichem Lead-Break und spritzigem Tonartwechsel kurz vor Schluss, aber im Verhältnis zu den "normalen" STALLION-Songs kaum der Rede Wert.
Das 'Very Merry Medley' besteht aus dem ironisch zerhackten 'All I want for Christmas is You' von Mariah Carey, John Lennons durchaus seriösem 'Happy Xmas - War is Over' und 'Wonderful Christmas Time' von dessen seit je zu Kitsch neigendem Weggefährten Paul McCartney. Alle werden nahtlos im Rahmen eines verspielten Midtempo-Metallers miteinander verschmolzen, und die Steigerung ist angesichts des seichten Ausgangsstoffs sehr geil gemacht.
Mit 'Let it Snow! Let it Snow! Let it Snow!' von Sammy Cahn und Jule Styne, das in Europa weniger bekannt ist, klingt die EP ungefähr so aus, wie sie mit 'Santa' begonnen hat. Unterm Strich herausgekommen sind runde 15 Minuten, die STALLION - Überraschung? - keine Schande tun.
FAZIT: Nach dem Knaller-Album "Slaves of Time" Anfang des Jahres lassen STALLION 2020 zünftig mit einer ungewöhnlichen EP ausklingen, deren Weihnachts-Background sich angesichts der Darbietung der Band leicht ausblenden lässt. "Christmatized" eignet sich natürlich nicht zum Erstkontakt mit den Jungs, ist aber für Fans eine Nummer-sicher-Investition. <img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/47c76b143f464d84ae8177f540d6616c" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 25.11.2020
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27.11.2020